Das tut man nicht!!

September 26, 2007

Ja, tatsächlich, es geht weiter..

Willkommen zu einem neuen Abschnitt, zu neuen Erkenntnissen, die ich in meinem Leben machen musste, wollte, sollte,…durfte…

 

In diesem Zusammenhang heiße ich auch mal die willkommen, die sich freuen, so anonym solche Geschichten lesen zu dürfen, sich wahrscheinlich insgeheim daran aufgeilen aber öffentlich tiefste Empörung mimen.. Wie heißen die noch mal??.. Achja, richtig..Spanner, Perverslinge, falsche Fuffziger, na ja, eben so alles, was man im Leben ständig trifft, aber nicht so wirklich braucht.., eben Menschen, die sich fürchterlich darüber aufregen, dass so was geschrieben wird… igitt.. so was tut man doch nicht.. man lässt sich verprügeln, missbrauchen, in jeder Form misshandeln, aber man sagt es nicht.. pfui bah!!!

( Aber lesen tun wirs trotzdem.. ist ja irgendwie geil.. )

 

Dann lest man schön mit…

 

Beginnen wir mal mit dem bekanntesten aller Sätze: Das tut man nicht!

Hmm….Was ist eigentlich :man? Also, man selbst ist das doch wohl nicht, oder? Sonst würde man doch sagen: Ich tu das nicht! Oder : Ich will das nicht!.. Aber man… Das bedeutet doch eigentlich nichts anderes als: Ich hab ja gar keine Meinung, ich tu nur das, was andere mir andere gesagt haben.. ohne darüber nachzudenken, oder nachgedacht zu haben, was es eigentlich bedeutet. Ist ja auch einfach so.. bloß nicht nachdenken, nicht alles verstehen, sondern auswendig wissen, was wir tun sollen.. ohja… dann gehören wir dazu, zur großen grauen Masse derjenigen, die wissen, was sich gehört, ohne darüber nachdenken zu müssen, warum es sich so gehört.

Man veröffentlicht nicht einfach, was man erlebt hat, das ist unanständig! Man lässt sich misshandeln, aber man sagt es nicht… man deutet es vielleicht an… aber alles andere.. igitt!!! Wie steht man dann da vor denen, die misshandelt haben.. die wollen es doch auch nicht, dass man das tut.. ist ja grottenpeinlich!!

Wenn es einen selber trifft, na ja, das ist was anderes… dann darf man auch jammern und wehleidig sein.. wahrscheinlich.. keine Ahnung… Aber so was passiert einem ja nicht, weil man so was ja nicht tut und nicht sieht, und wenn es irgendwo passiert, dann schaut man besser weg.. Da mischt man sich nicht ein… Das tut man einfach nicht… Da schaut man sich dann lieber die Horrornachrichten an, wo irgendjemand mal wieder durchgeknallt ist und losgeschlagen hat.. je blutiger, desto geiler ist die Show.. Da hat man auch wieder was zu schnacken, gelle?

Kinders, das schweißt wirklich zusammen, da bauen sich Freundschaften auf!! Wie dumm war ich, wenn ich geglaubt habe, dass alle es verstehen würden.. das, was ich erlebt habe! Was gab es da nicht für Wahnsinnsreaktionen! Von totaler Ablehnung ( … na, da hat sie bestimmt irgendwie selber Schuld…) über mitleidige Blicke.. ( ob das wohl alles auch so stimmt?.. ) hin zur völligen Ignoranz ( interessiert mich nicht..). Und dann noch die absoluten Spezies, die die Gelegenheit nutzen und über ihr eigenes Elend zu sprechen anfangen… Früher habe ich sie gehasst, die Menschen.. bis ich begriffen habe, dass sie tatsächlich Hilfe brauchten, dass auch sie von allen anderen geschnitten wurden.. ( so was sagt man nicht!!! ) Und wenn ich ihnen geholfen hatte, wie auch immer, jedenfalls, wenn sie mit sich im reinen waren, dann verschwanden sie aus meinem Leben.. logisch, wie ich es jetzt verstehe.. sie brauchten mich ja nicht mehr.. ich war für sie einen Anlaufstelle, kein Freund in der üblichen Weise, aber das wussten weder sie noch ich damals. Jetzt, wo ich es begriffen habe, nehme ich es so an. Es erleichtert diese Situationen ungemein, weil ich aufgehört habe, mir falsche Hoffnungen zu machen.

Was ich aber noch immer nicht akzeptiere und niemals akzeptieren werde, das sind die fürchterlichen Schleimer, diese rückgratlosen Proleten, die sich erdreisten, sich an mich zu hängen, um sich in meinem vermeintlichen Glanz zu aalen, oder sich mit meinen Kontakten zu brüsten. Und wehe, ich funktioniere nicht so, wie sie es wollen!!!

Genau dann kommt mal dieser berühmte und allseits beliebte Satz zum tragen : So was tut man nicht!!!

 

Leute, ihr tut mir leid, echt! Was für ein erbärmliches Leben.. Merkt ihr nicht selber, wie armselig es ist.. so ganz ohne richtige Freunde? Was wollt ihr machen, wenn es zu Ende geht? Für den Tod gibt es keine Man – Regel, das erlebt ihr ganz alleine, da müsst ihr alleine durch!

Spätestens da werdet ihr merken, dass dieses man sinnlos ist, so sinn los wie eure Existenz..

 

Aber jetzt auch mal ein warmes Danke an die lieben Menschen, die ich kennen lernen durfte, diese großartigen Geschöpfe, mir denen ich lachen und weinen und leben kann, die zu mir stehe, in guten wie in schlechten Zeiten, diese leider sehr seltene Spezies von Menschen.. …aumann, wie schön wäre es, würde es mehr solcher Menschen geben. Wie schön wäre das Leben.. Dann hätten wir hier wirklich das Paradies, wonach wir alle so streben.

Wie heißt es so schön? Die Würde des Menschen ist unantastbar… auweia…Dabei machen wir doch Tag für Tag nichts anderes, als die Würde, das Leben unsere Mitmenschen zu bemängeln, ihre Art zu leben anzuzweifeln, ausgehend von der merkwürdigen Sicherheit, dass unsere Art, zu leben, die wirklich einzig wahre ist !!!!- Ich bin nun mal so…-

Was für eine Arroganz.

 

„Warum regst du dich so über deinen Lebensgefährten auf?“ fragt mich ein Freund „Wie lange seid ihr schon zusammen? Und immer wieder die gleichen Probleme.. Nimm ihn doch einfach so, wie er ist, so, wie du ihn kennen gelernt hast. Er hat seine Art, du hast deine Art.. Lerne, ihn zu respektieren!! Er ist, wie er ist, nicht, wie du ihn haben willst! Schließlich nimmt er dich ja auch so, wie du bist.“

Das war es. Der richtige Satz zum richtigen Zeitpunkt. Da habe ich verstanden, was es bedeutet, einen Menschen wirklich zu respektieren. Wir alle wachsen in unserer ureigenen Umgebung mit ureigenen Einflüssen auf und werden dadurch geprägt, ausnahmslos alle.

 

Und wenn wir das Alter erreichen, wo wir unseren Partner suchen, dann doch eher unbewusst jemanden, der in etwa unserer Lebensart entspricht.. aber weil er ja nicht wirklich so ist, wie wir ihn uns wünschen.. kann er ja auch nicht sein, weil er auch ein Individuum ist, wie wir selber, versuchen wir ständig, ihn zu ändern. Er soll so sein, wie wir ihn haben wollen, nicht, wie er ist. Komisch.. dabei bestehen wir immer darauf, dass wir so bleiben, wie wir sind, weil wir ja ( aus unsere Sicht ) schon vollkommen sind. ( Ich bin nun mal so… )

Wirklich wahre Partnerschaft kann nur dann entstehen, wenn beide Teile bereit sind, sich in einigen Dingen zu ändern, und das ist schwer..sehr schwer…

 

Aber diese Schwierigkeit, wirklich zu respektieren, gibt es nicht nur in der Partnerschaft. Sie findet sich überall, wo Menschen aufeinander treffen, wo sie engeren Kontakt finden, wo sie mit anderen Nationalitäten und anderen Lebensweisen konfrontiert werden. Das Unverständnis für die andere Lebensweise, das Unvermögen, sich in diese Art einfühlen zu können, eben, weil wir nicht in diesem Lebensraum groß geworden sind, stößt uns ab, und, allzu menschlich, stellen wir uns auf den Standpunkt, dass es nicht gut sein kann, anders zu sein als wir selber. Das Miteinander wäre um Strecken leichter, würden wir uns endlich eingestehen, dass unsere Art, zu leben nur eine Art unter vielen ist, nicht besser, nicht schlechter, sondern nur eine Variante aus dem reichhaltigen Fundus des Zusammenlebens der Menschen.

Wir müssen sie nicht lieben, sie nicht verstehen, aber wir sollten lernen, sie zu respektieren, als etwas völlig normales auf dieser unserer Erde.

 

Besonders heftig aber wird es, wenn Menschen aus der gleichen Gesellschaft aufeinander treffen. Gerade hier drängt sich bei vielen die irrige Annahme auf, dass das Verhalten des anderen so ist, wie sie sich bei einem selber im Laufe der Zeit aus Erfahrung und Erziehung aufgebaut hat. Was sich gravierend vom eigenen Verhalten unterscheidet wird sofort abqualifiziert in die Schublade der unerwünschten Personen abgelegt, sozusagen, als persona non grata, im schlimmsten Falle läuft diese Person dann unter der Bezeichnung „asozial“.. was, wenn man es genau interpretiert, nichts anderes bedeutet, als : nicht in die Gesellschaft passend. Hmm…..trifft teilweise zu, in sehr markanten Fällen mit Sicherheit.. aber mit ebenso großer Sicherheit sind eben diese Menschen auch der Meinung, dass ihre Art, zu leben die einzig wahre Art ist. Ein Dilemma ohne Ende…

 

Was ich persönlich aber als besonders schlimm empfinde ist, wenn, der Bildungsstand einer Person so hoch ist, dass diese Person vom Intellekt her eigentlich in der Lage sein müsste, zu erkennen, dass jeder Mensch ein sehr eigenes Individuum mit sehr eigenen Verhaltensweisen ist, und trotzdem nicht fähig ist, ein anderes Verhalten zu tolerieren, geschweige denn , zu respektieren.

Die uns allen allzu bekannten kritischen Situationen, in denen das so genannte wahre Gesicht zum Vorschein kommt, wo so viel Stress aufgebaut wird, dass die Person nicht mehr eigenständig agieren, sondern nur noch auf die Situation reagieren kann, in der Weise, in der sie erzogen worden ist.

Ich hatte schon einige Erfahrungen in dieser Art, die letzte ergab sich erst vor kurzem, als mein Onkologe der Meinung war, dass der Schlaganfall, den ich erlitten hatte wohl eher durch Metastasen als durch ein Blutgerinnsel hervor gerufen wurde.

Ich dachte ja, dass ich die Erfahrung der Todesangst bereits gemacht hätte, aber seit dieser fatalen Bemerkung. .zumal bis jetzt noch nicht geklärt wurde, ob tatsächlich Metastasen im Kopf sind, da der Radiologe darauf beharrte, dass Metastasen von ihnen einwandfrei erkannt worden wären, löst jedes noch so geringes Wehwehchen, das vom Kopf kommt in mir, meinem Sohn und meinem Lebensgefährten eine rasende Panik aus. Der Tod ist bei uns Gast geworden… bedrohlich und hartnäckig….

Um diese Panik am Anfang zu mindest etwas unterdrücken zu können, unterrichtete ich vier Menschen, von denen ich annahm, dass sie mich verstehen würden, von dem Gespräch, und bat, explizit, niemanden, schon gar nicht zweien, die mir doch gefühlsmäßig nahe standen, und denen ich nicht weh tun wollte, zumal ich zu dieser Zeit niemals die Kraft gehabt hätte, darüber mit ihnen zu reden, davon zu erzählen.

Die Reaktion war erschreckend:

Meiner Bitte wurde nicht entsprochen, es gab keinen Respekt für mich, nicht das geringste Verständnis für mein Verhalten, die Nachricht wurde weitergeleitet, und die eine Person, die es nicht erfahren sollte, ist war sofort mehr als nur heftigste beleidigt, weil ich sie nicht unterrichtete.

Nicht ich bin wichtig, nicht die Tatsache, dass ich den Tod vor Augen hatte und noch immer habe, nicht mein fürchterliches Dilemma, allein, dass ich eigenständig eine Entscheidung traf, die insbesondere für mich in dieser Situation mehr als nur überlebenswichtig war, ist für sie störend. Es hat sie getroffen, dass sie nicht unterrichtet wurde. Und seitdem steigert sie sich in eine sagenhafte Wut und Verachtung hinein, die ich beim besten Willen nicht nachvollziehen kann.

So weit, so gut, eine von mir abgegeben Erklärung hat nichts mehr gebracht, ich respektiere es. Ich kann mich ja schlecht in sie hinein versetzen.

Und das ist eine Form des Respekts, den ich meine. Wir müssen sie nicht lieben, diejenigen, die sich gravierend von uns unterscheiden, wir können ja Abstand halten. Aber wir sollten sie respektieren. So, wie sie sind… weil sie Menschen sind, wie wir auch.. weil auch wir Dinge machen, die anderen nicht gefallen. Wenn wir das endlich lernen, dann sind wir einen gewaltigen Schritt weiter in Sachen Menschenrechte, im Umgang mit denen, die sich mit uns zusammen diesen Erdball teilen.

Nimm dich in Acht!!!

September 15, 2007

Nimm dich in Acht!!.. die Stimme gellt in meinem Kopf. Nimm dich in Acht. Ich zucke zurück, ich weiß nicht wovor ich aufpassen soll. Es wird schlimm werden, das weiß ich, aber ich weiß nicht, was kommen wird.

Viel zu oft habe ich sie gehört, die Stimme.

Es fällt mir nicht leicht, dies zu schreiben, weil ich noch immer daran kaue, weil ich es kaum verdrängen kann.

Womit fange ich an? Klar, mit der üblichen Beschuldigung meiner Mutter: „Du bist Schuld!“

..Das frisst sich ein, zumal, diese Situation ist heftig. Zwei Kriminalbeamte sind an diesem Sonntagmorgen über den Rasen zu unserem Haus gekommen. Meine Eltern gehen ihnen entgegen, sie reden, und dann seh ich meine Mutter zum ersten Mal heulen: „Oh Gott, wie furchtbar, “ heult sie als sie ins Haus kommen, „der arme D….“. Das ist mein Freund, nein genauer gesagt, das war mein Freund, abends zuvor habe ich mich von ihm getrennt. Es war zuviel. Er war zu aggressiv, er hatte mich geschlagen. Etwas, was ich überhaupt nicht ab konnte, was mich immer zur Weißglut trieb. Wie sollte ich wissen, dass er hochgradig rauschgiftsüchtig war, hoch verschuldet?? Woher konnte ich mit meinen 16 Jahren ahnen, dass er total am Ende war??? Ich wusste damals noch nicht einmal, dass es Rauschgift gab, geschweige denn, dass ich die Auswirkungen realisieren konnte.

Ich hatte einfach Schluss gemacht, und er weinte (das konnte ich schon gar nicht leiden!!), wollt noch einen Kuss, und dann sagte er, „Dann geh ich nach Hause und häng mich auf… “Ich wurde wütend ..solch eine Erpressung fand ich geradezu zu kotzen. Widerwillig lies ich mich küssen, nur, damit er endlich ging, stieß ihn weg und ging ins Haus.

So genervt war ich, dass ich sogar meinem Vater morgens erzählte, was passiert war. Mein Vater fand das auch ziemlich dämlich…endlich waren wir mal einer Meinung….

Und dann kamen sie über den Rasen, die beiden Beamten, zu uns, zu mir, um mir zu sagen, das er sich wirklich aufgehängt hatte, gestern abends… dass seine Eltern ihn gefunden haben… diese Menschen, so erzkatholisch waren sie, dass es für sie feststand, wir werden heiraten….und jetzt stand für sie fest, ich hatte ihn in den Tod getrieben; deswegen kamen die Beamten zu uns…

 Sie fragten mich nach dem Abend aus, was vorgefallen war..ich war wie betäubt, ich verstand kaum, was sie fragten… Und da kam er, der Satz, der sich in mich einfraß: Du bist Schuld!!!

„Das dürfen Sie aber nicht so sagen, reagiert einer der Männer entsetzt, „das hätte niemand geglaubt, dass der Junge sich umbringt. Und mit Sicherheit liegt es nicht an Ihrer Tochter, da gab es andere.“  Sie reden, ich hör nicht mehr hin, und irgendwann gehen sie. Meine Mutter geht auch.. zu den Eltern des Toten.. und entschuldigt sich für mich….einfach so…

Als sie wiederkommt stopft sie mich voll mit Valium –  sich auch, nebenbei bemerkt – und an bringt mein Vater uns im Dorf zu einer Ärztin, die eigentlich nur Privatpatienten hat, aber sie ist ja nicht so und setzt mir eine hoch dosierte Beruhigungsspritze…

Ein Traum.. ich träume… meine Mutter mit mir beim Klamottenkauf… und sie erzählt allen, dass ich meinen Freund in den Tod getrieben habe….

Es ist Dienstag… mir fehlt ein Tag.. ich weiß nix mehr. Ich liege im Bett. Meine Mutter kommt rein.. wie mir die Sachen gefallen.. Sachen?

„Wir waren doch gestern einkaufen“, weißt du nicht mehr?

Nein, weiß ich nicht mehr. Ach, ist plötzlich Geld da? Wir haben doch nichts, sagen sie immer.. darum arbeite ich ja auch, seit ich vierzehn bin, damit ich mir was zum Anziehen, die notwendigen Sachen für die Schule kaufen kann. Und abgeben muss ich auch, und nicht nur das, meine Mutter jammert mir auch vor, dass sie der Kleinsten nix zum Anziehen kaufen können.. Stimmt… sieht jedenfalls so aus.. erbärmlich…, also geb ich noch mehr Geld.

Und da war meine Mutter mit mir choppen????  „ Ich hab Dein Sparbuch genommen“, sagt sie. „Hast ja genug drauf, ich hab mir auch gleich was davon geholt.“

Hat sie. Das Sparbuch ist restlos leer. Ein paar hundert DM für eine eigene Wohnung.. weg.

Der Tag der Beerdigung kommt, ich habe das Verbot von den Eltern des Toten, dahin zu kommen, ich will auch gar nicht…

Wie im Mittelalter.. in der Kirche werde ich von dem Priester öffentlich verflucht…

Und dann geht sie los, die Menschenjagd in einem kleinen Dorf, mitten in Deutschland, die Jagd auf die Mörderin eines Jungen…

Ich muss mit dem Mofa zur Schule und zur Arbeit fahren, nein falsch, zur Schule möchte ich lieber mit dem Mofa fahren, ich will die Blicke dieser Menschen nicht sehen. Der Weg führt aus dem Kaff auf die Landstrasse, weiter an einem Wald vorbei, in dem ein Wildgehege ist in den Vorort der Stadt, und weiter. Auf der Landstrasse, da kommen sie, drängen mich ab von der Strasse, etliche Male, immer wieder, bis andere Autos vorbeifahren, ich erreiche den Vorort, da hab ich Ruhe.

Und eines Abends fahr ich zurück von der Arbeit; es ist Herbst, und um diese Zeit schon stockdunkel. Ich fahre durch die Stadt, durch den Vorort, die letzte Bushaltestelle, hell beleuchtet, taucht auf, und da steht eine Gestalt, nein sie bewegt sich auf die Strasse zu, sie will mit mir sprechen, das fühl ich, aber ich bin wie paralysiert, ich fahre und fahre.. an der Person vorbei, und im Vorbeifahren erkenne ich meinen toten Freund, und in diesem Moment schreit eine Stimme: pass auf!!!!!!

Vor mir sind die Serpentinen der Landstrasse, still ist es…und es reißt mich herum, ich biege vorher ab auf den Waldweg, und fahre hinein, in den Wald, mit einer Todesangst im Herzen, Angst vor dem Wald, wo mir doch im Wald schlimmes passiert war, meine Haare sträuben sich vor Angst, ich will umdrehen, aber irgendetwas drängt mich vorwärts, weiter hinein in die Dunkelheit, ich stelle den Motor ab, ich fahre per pedes…und da sehe ich sie.. Autos, viele Autos auf der Landstrasse, und viele junge Leute aus meinem Dorf, die dort standen, und auf mich warteten..sie warteten, das war eindeutig..

Ich schleich mich durch den Wald, mitten durch, in Richtung einer anderen Strasse, die einen weiteren Umweg bedeutete, ich schau mich nicht um… wenn ich sie nicht sehen kann, können sie mich auch nicht sehen.., ich erreiche die andere Strasse, starte den Motor und fahre los… nicht nach hinten schauen, nicht nach hinten schauen…die Strasse ist endlos gerade und unendlich lang.. man kann hier alles sehen.. vorbei an einem Wald..dunkel.. bedrohlich.. die Angst hat mich erstarren lassen, ich reagier nur noch..endlich das Dorf..die letzten Meter.. ich hab es geschafft, stelle das Mofa in die Garage und laufe ins Haus… nicht passiert, alles ist ruhig.. Ich verkriech mich im Bett…

Der Wecker klingelt, ich muss zur Schule.. ich wasch mich, ich krieg keinen Bissen runter, ich starre nach draußen.. alles ist ruhig…ich zieh mich an, und gehe raus, starte den Motor und fahre los, und fahre, und fahre die lange Strecke, egal, wie lang, nur weg von der anderen Landstrasse… dreh dich nicht um, wenn du sie nicht siehst, dann sehen sie dich auch nicht..

Ja, wirklich, sie haben mich nicht gesehen, ich komm in der Schule an!

Wie ein Film, ich bin in einem Film, wo ich nicht hingehöre, ich bin gar nicht da.. alles ist so weit weg.. Schulschluss.. der Weg.. ich will noch nicht fahren, ich bleibe bei ein paar Leuten aus meiner Klasse. Eine Flasche Korn kreist, ich hab noch nie Korn getrunken, aber ich trinke.. einen Schluck..noch einen…und dann krieg ich einen Weinkrampf, ich schrei mir die Angst aus der Seele, ich drehe ab. Sie bringen mich zur Klassenlehrerin, ich erzähle, meine Zähne klappern, ich friere und der Schweiß steht mir auf der Stirn, die Lehrerin lässt mich von einem Mitschüler begleiten. Zu zweit ist die Angst weg.

Mein Begleiter bringt mich ins Haus, wir sitzen im Wohnzimmer, meine Mutter kommt rein: „ Was ist denn los?“ fragt sie. „Geh raus,“ schrei ich sie an, „ interessiert dich doch eh nicht!“ Sie geht und macht die Tür zu. Mein Mitschüler ist sprachlos.

Die Polizei wird eingeschaltet.. von meiner Lehrerin… ich kriege Polizeischutz.. meine Eltern interessiert es nicht.

Selbst Jahre später, wo ich bereits weit weg in einer anderen Stadt studierte, selbst da erhielt ich noch Drohanrufe, bis ich mir eine Geheimnummer zulegte. Da wurde meine kleine Schwester ausgefragt, wo ich wohne. Meine Eltern haben sie nicht gestoppt.

Und dann, ungefähr 10 Jahre später, da ruft mich meine Mutter an, und teilt mir mit, dass sich eine Woche zuvor in dem Haus, wo sich mein Freund aufgehängt hatte, an genau der gleichen Stelle, ein Mann aufgehängt hatte. Ein Familienvater, ein Mensch, den ich nie gekannt hatte. Und meine Mutter sagt mir, im Dorf wird erzählt, dass ich eine Hexe bin, dass ich das Haus verhext habe.. „Was soll ich ihnen sagen? Hast du es getan??“Oh Mutter, du weißt gar nicht, wie gerne ich damals eine Hexe gewesen wäre, eine Hexe, die dir alles Schlechte dieser Welt anhext…„ Du bist doch nicht schuld, oder?“ 

Oh, nein, Mutter, ich habe keine Schuld, mit Sicherheit nicht. Hätte er mich sonst gewarnt, der Tote?

Ich habe mich jahrelang gewehrt, mich daran zu erinnern. Es durfte nicht sein, was nicht erklärbar war. Es war nie etwas passiert..

Aber jetzt weiß ich, es ist zu oft passiert.. diese Stimme.. Aber nicht der Tote kommt zu mir, es ist das Kind, das in mir schreit, das viel früher als ich weiß, was passiert. Aber ich habe die Kraft, ich habe sie geschenkt bekommen, die Kraft um Dinge zu schaffen, die unschaffbar scheinen und ich weiß, diese Kraft zu schätzen, ich lebe in ihr und mit ihr und durch sie schaffe ich es, diesen Krebs so leicht zu erleben…

Ich schreibe weiter

Das Lachen ist mein Leben

September 7, 2007

So, ich glaube, ich stelle mich auch mal vor.

Ich habe meine Diagnose an einem kalten Novembertag im Jahr 2006 erhalten. Nicht mehr heilbarer Brustkrebs…naja…

Erst hat mein Verstand sich geweigert, das zu verarbeiten…aber irgendwann abends, da habe ich mich auf dem Bett ausgestreckt, die Augen geschlossen, und habe gedacht: wer immer du auch bist, was immer auch da ist…wenn du mir helfen willst, dann hilf mir, gib mir die Kraft, die ich brauche, um das zu überstehen.

Und dann kam sie, die Kraft.Gewaltig, dunkel und stark, weich wie eine Wolke, aber doch so stark, dass ich in ihr geschwebt bin. Ich bin geschwebt auf so viel Stärke, so viel Sicherheit, dass ich mit einem mal begriff, dass ich es schaffen kann. Es war ein unglaubliches Gefühl, wirklich.Ich wusste einfach, dass ich in Sicherheit bin.
Diese Nacht habe ich das erste mal wieder gut geschlafen.

Und da waren meine Nachbarn: eine alte Dame, der es furchtbar schlecht ging, und eine Dame in meinem Alter, die Blutkrebs hatte, und davor eine fürchterliche Angst. Ich habe mit ihnen geweint, ich habe sie getröstet…und dann habe ich angefangen, mit ihnen zu lachen. Ich habe ihnen erzählt, wie schön das Leben ist, ich habe sie wirklich zum Lachen gebracht…und, was soll ich sagen…die beiden erholten sich, ihre Blutwerte wurden bestens, und sie lachten und freuten sich…und die alte Dame sagte, sie hätte viel bei mir gelernt, und darüber würde sie sich freuen.
Und die Ärzte kamen gerne zu uns herein, und lachten mit uns, und freuten sich, dass es uns so gut ging.
Und als ich ging, sagte die Ärztin, bei mir wäre sie sicher, das ich das unmögliche schaffen kann…

Auch, wenn ich zur Chemo ging, oder jetzt, wo ich Herceptin kriege… die Schwestern und Ärzte freuen sich, wenn sie mich sehen, und die Patienten, die mich kennen, lachen mich an..ich sag euch, das tut gut.

Und bei der Strahlentherapie hab ich das auch mal eingeführt .
Und siehe da, sie lachen, und freuen sich, und sie fühlen sich viel wohler, alle die, die da sitzen, die Menschen, die ja doch nur leben wollen…

Eigentlich habe ich das immer so gemacht, wenn ich von einer schweren Krankheit geheilt war…und mag es noch so arrogant klingen…die Menschen um mich herum haben mich dafür geliebt, und…sie wurden einfach viel schneller gesund.

Das ist meine Macke…wenn ihr so wollt…

Ich kann durchaus zuhören, ich kann mitfühlend sein…

Aber, seid ehrlich, was ist das Leben ohne Freude? Wir wissen doch alle, dass wir krank sind, wir wissen, wie sehr wir krank sind, und ein bischen Trost ist sehr hilfreich in schweren Zeiten.
Aber wir leben doch!!!!
Wir wollen doch teilhaben am Leben, am Lieben, am Lachen.
Ich will es. Und darum lache ich, weil ich gerne lache, und ich lebe, weil ich gerne lebe.
Ich bin dankbar, dass ich noch leben darf, dass die Medizin soweit ist, so gut helfen zu können.
Ich bin dankbar, dass es den Chat gibt, wo ich lachen und leben und mitfühlen und leiden und zuhören kann.

Es gibt für alles eine Zeit.

Und für mich ist das Lachen das Leben.

So habe ich mich in einem Forum vorgestellt, in einem Forum für überwiegend brustkrebskranke Frauen.

Der Grund? Es war für einige nicht nachvollziehbar, dass ich, trotz meiner Erkrankung , weiterhin lachen und fröhlich sein konnte, dass ich trotz allem die Freude am Leben nicht verlernt hatte. Und ich wollte doch so gerne, dass es allen so ging, das alle die Freude am Leben wiederfinden sollten. Ich hoffe, es hat ein wenig geholfen, denjeningen, die so unglaublich traurig und hilflos sind, die einfach nicht wissen, wie sie mir der Erkrankung umgehen sollen.

Ich hoffe es von ganzem Herzen.

Mir schwirren die Gedanken durch den Kopf, sie sind kaum zu fassen, so schnell blitzen sie auf und brennen sich ein in meine Seele, in mein Leben. Es wird alles immer klarer, immer deutlicher, ich verstehe mich immer besser, und jetzt, wo ich noch einmal lese, was ich da geschrieben habe, jetzt verstehe ich, warum das Lachen mein Leben ist!

Wie ich bereits schrieb, erinnere ich mich eigentlich nur an ewige Streitereien zwischen meinen Eltern, an ihr ewiges Gejammere, sie würden eh bald sterben ( sie leben heute noch und sind kerngesund!!!), daran dass sie immer darauf pochten, wie dankbar wir doch sein müssten, es so gut zu haben usw., usw…

Meine Reaktionen darauf waren dauerndes Kranksein, und übermässig lange Aufenthalte im Krankenhaus, die ich über die Massen genoss, da meine Eltern mich grundsätzlich dort nie besuchten. Es war grauenhaft, wenn ich wieder entlassen werden sollte, mir fielen alle möglichen Wehwechen ein, nur um den Aufenthalt zu verlängern, leider waren sie meist nicht so wirksam, wie ich es mir erhoffte.

Der erste Abend zu Hause war dann einigermassen zivil, da meine Eltern sich dann erzählen liessen, wie es im Krankenhaus war, und, komischerweise…nein, nicht komischerweise, es kam wohl instinktiv, kamen von mir nur lustige Dinge, die ich dort erlebt hatte. Instinktiv daher, weil es meine Eltern überhaupt nicht interessierte, was ich gehabt hatte, und meine Mutter grundsätzlich der Meinung war, sowieso kränker zu sein als ich.

Aber wenn ich ihnen die lustigen Dinge erzählte, dann lachten sie, dann war der Abend gerettet, sogar einige Tage danach, weil sich meine Familie gerne daran erinnerte.Und weil es so gut funktionierte, baute ich diese Fähigkeit, lustig zu erzählen , aus. Es klappte so gut, dass meine Familie am Ende regelrecht süchtig wurde nach meinen Erzählungen, dass es ihnen egal war, wie es mir ging, hauptsache, meine Erzählungen holten sie aus ihrem tristen Alltag heraus. Das entspannte die allgemeine Lage natürlich ungemein, und erleichterte mein Zusammenleben mit ihnen.

Ich muss dazu sagen, dass dies alles unbewusst geschah, jetzt wird es mir klar, warum ich das getan habe, warum ich noch immer, wenn ich eine prekäre Situation erlebe oder ahne, anfange, die Dinge so unglaublich leicht und locker zu sehen; einfach, weil es mir schon immer geholfen hat, besser und angenehmer zu leben.

Damals ,wie heute, war und bin ich ein gern gesehener Gast, egal, wo ich auftauche, ich war und bin ein Garant für gute Laune, leicht locker, flockig, wie man so sagt, und das schaffe ich völlig unabhängig davon, wie es mir geht.

Das hat mir den Vorteil gebracht, sehr beliebt zu sein, aber zwei ganz entscheidene Faktoren haben es verhindert, einen engeren Kontakt zu den Menschen aufzubauen, die mich so mochten, wie ich bin…glaubten sie… wie ich bin… aber ich war nicht so!!

Ich habe ihnen allen vorgegaukelt, was ich nie gewesen bin, und wenn es dann doch passierte, das mich das Elend überkam, wenn ich doch einmal angesichts der Ungeheuerlichkeit meines völlig verdrehten Lebens zusammenbrach, dann verschwanden sie, die Menschen, die durch den Zusammenbruch völlig geschockt waren. Darf ich es ihnen verdenken? Mit Sicherheit nicht, denn ich habe ihnen etwas vorgespielt, was sie suchten, und habe mich dann als das geoutet, was sie mit Sicherheit nicht haben wollten, was sie niemals verarbeiten konnten, zumal mir lange Zeit selber nicht bewusst war, warum ich das überhaupt machte. Mir war nie klar, dass ich die ganze Zeit nach der einen Liebe suchte, die ich nie bekommen hatte, die ich einen Sommer lang erahnen durfte, einen wunderbaren kurzen, langen Sommer lang.

Aber was habe ich gelernt in all dieser Zeit, es war unglaublich viel, was ich erleben durfte…all diese Menschen mit ihren unterschiedlichen Arten, zu lachen, oh ja, es gibt viele Arten zu lachen… das höfliche Lachen, das kalte Lachen, das berechnende Lachen, das verlegene Lachen, das Lachen um des Lachens willen, das hysterische Lachen, das verzweifelte Lachen, das alberne Lachen. All dieses lachen, das mir körperliche Schmerzen bereitet, weil ich die Seele nicht sehen kann, weil die Augen über diesem Lachen so merkwürdig kalt und gefühllos sind. Aber ich habe gelernt, zu lesen, auch aus seelenlosen Augen, ich lese ihre Geschichte, ich erkenne ihre Schwächen und ihre Stärken, und ich begreife, warum sie so sind, wie sie sind.

Und dann doch die Krönung: Das Lachen, das aus dem Herzen kommt, aus der Seele, das den Menschen überirdisch schön erscheinen lässt,das die Seele der anderen überfliessen lässt in ihrer Freude und diesen Augenblick so unendlich kostbar und reich macht. Diese Lachen, was ich immer so gesucht habe, das mir so unendlich gut tat, wenn ich es lachen durfte, diese Lachen, das mein Sohn lacht , das bei ihm als reines Kinderlachen bezeichnet wurde, bei dem den Menschen die Herzen aufgegangen sind, und sie selber lachen mussten, ein ehrliches Lachen…Es ist so weich, dass mir eine Mutter sagte: “ Als ich das Lachen hörte, da wusste ich, dass er der beste Freund für meinen Sohn sein wird. Ein Kind, das so lachen kann, muss einfach glücklich sein.“

Was hat mir diese Aussage gut getan. Mein ganzes Streben, einen Menschen glücklich zu machen, war erfolgreich, mein Sohn ist glücklich…was will ich mehr? Wir lachen miteinander, wir haben ein unglaubliches Vertrauensverhältnis, wir verstehen uns blind.

Und jetzt spüre ich meine Seele, die ich schon längst tot geglaubt hatte, sie erwacht aus ihrem tiefen Schlaf und mit ihr…ein kleines Kind, ein Kind, gefangen in einer dunklen kalten Höhle, wo Blut von den Wänden tropft, und das Kind kauert sich in eine Nische, verängstigt,allein. Irgendwo, in weiter Ferne ist ein Licht, ein kleines Licht, zu weit weg, als das es das Kind sehen könnte… Und ich weiss jetzt, dass ich es bei der Hand nehmen muss, das ich es leiten muss, zum Licht, in die Wärme, mir wird bewusst, dass nur ich es tun kann, weil es nur mir vertrauen kann, das kleine Kind, das ich selber bin.

„Ich möchte nie mehr ein Kind sein“ sage ich zu meinem Sohn, “ nie mehr..aber.. müsste ich es doch noch einmal sein, dann möcht ich so sein , wie du.“ Und ich meine es ernst. Ich wollte mein Kind bekommen, um einmal zu sehen, wie ich vielleicht geworden wäre, wenn man mich geliebt hätte, und ich erkenne, wie schön es hätte werden können.

Mein Sohn liebt mich, er liebt mich über alles. – Bis in die Unendlichkeit und zurück, und das unendliche Male- so sagt er es mir..so reich an Liebe, so reich an Zärtlichkeit…

Einmal, als er sich etwas so sehnlichst wünscht, etwas, was finanziell einfach nicht machbar ist, sage ich voller Verzweiflung:“ Goldschatz, wenn ich es könnte, ich würde dir das Paradies auf Erden schenken..“ Und mein Kind sagt, und ich zitiere, weil sich mir jedes Wort tief in die Seele eingebrannt hat: “ Mama, das musst du nicht, ich habe ja hier schon das Paradies.“

Dieser Satz, dieser eine, so ehrlich gemeinte Satz aus dem Munde meines Sohnes, er ist so kostbar, so einzigartig, er tut so gut, dass mein Leben aufblüht.. er macht, dass mein Lachen, das ich mir immer gewünscht habe, diese reine Lachen, wirklich und wahrhaftig nur noch aus der Seele und aus dem Herzen kommt, und mir das gibt, was ich immer gesucht habe. Mein Leben.

Tretet ein

September 4, 2007

Wie ist das, wenn man liebt?

„Wenn man nie geliebt wurde, nie in die Arme genommen wurde , wenn man immer nur auf Ablehnung gestossen ist, kann man dann überhaupt lieben?“

Diese Frage stelle ich meiner Therapeutin, und es war die letzte Frage, die ich ihr stellen konnte, denn was mir in der Therapie klar wurde, was mein Verstand da zuliess, das war so wahnwitzig, dass sie eine Weiterführung der Behandlung nicht mehr zulassen wollte.

„Das können Sie niemals verarbeiten“, sagte sie ,“Sie werden stationär aufgenommen werden müssen, das ist zuviel.“ Und sie ist nicht die einzige, die das sagt, niemand ist bereit, mit mir das aufzuarbeiten, was hochgekommen war, was ich plötzlich wieder im Traum erleben musste, die Vergewaltigung durch meinen Onkel, als ich 1 Jahr alt war.

Meine Eltern hatten mich bei meiner Grossmutter mütterlicherseits zusammen mit meiner älteren Halbschwester untergebracht, weil meine Mutter 1. mich nicht haben wollte, und 2. wusste, dass meine ältere Schwester da gut aufgehoben war , da sie der geschütze Liebling der Familie mütterlicherseits war, und 3. meine Mutter alles andere als eine Mutter war und sie eigentlich keine Kinder, schon gar nicht mich, haben wollte.

Beiden, meinem Vater und meiner Mutter war klar, was mich erwarten würde, sie waren genug von Freunden und Verwandten gewarnt worden , mein Vater gab es in einer guten Stunde zu, genauso, wie sie zugaben, dass sie mich nie geliebt hatten.

Erst, als meine Grossmutter väterlicherseits endlich einmal ihre Enkelin sehen wollte, nach Coburg kam, und mitansehen musste, was mir angetan wurde , hatte dieser Schrecken ein Ende, denn sie zwang meinen Vater mich zurück zu holen.

Sie hat mit angesehen, wie mein Onkel mich -wie sagt man so schön?- in Gegenwart meiner Schwester befummelt; meine Schwester geht daraufhin zu meiner Grossmutter und flüstert ihr zu, was passiert ist, und daraufhin kommt meine Grossmutter zu mir und verprügelt mich, da ich ja ihren erwachsenen Sohn verführt habe.

Und das ohne einen Funken Scham in Gegenwart meiner anderen Grossmutter.

Das Hallo war gross, meine Eltern holten uns nach Hause, und ab dann spürte ich den alltäglichen Hass meiner Mutter und die extreme Gefühlskälte meines Vaters.

Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals von meinen Eltern in die Arme genommen worden zu sein, das was in meinem Kopf ist, sind Schläge und dazu das widerliche Lachen meiner Mutter, die sich an diesen Prügelorgien regelrecht aufgeilte, ich erinnere mich an ihre kreischende Stimme, wenn es, natürlich nur für mich, etwas zu tun gab, an die ewigen Streitereien meiner Eltern, die immer damit endeten, dass entweder meine Schwester oder ich die Schuld für diesen Streit bekamen.

„Das Monster ist geweckt in Ihnen, die Mauer ist gebrochen. Um Himmels Willen, bauen Sie diese Mauer wieder auf, lassen Sie es nicht zu, dass die Erinnerungen Sie zerfressen, blocken Sie ab, das können Sie niemals verarbeiten“

Ich habe die Mauer wieder aufgebaut, um dieses Monster, aber um welchen Preis? Ich musste die Mauer vergrössern, ich musste sie um einen Teil meiner Seele bauen, und immer, wenn ich nicht aufpasse, dann greift es an, ohne Vorwarnung, bösartig, bereitet grenzenlose Schmerzen und entwickelt schwerste Krankheiten in meinem Körper, die ich immer wieder bekämpfen muss. Es ist nicht der erste Krebs, den ich habe, nicht die erste Krankheit, die mich hätte töten können, aber ich habe es immer wieder geschafft, ich bin immer wieder aufgestanden, und, ich hoffe, das es mir vergönnt ist, hier noch ein wenig zu verweilen.

Kann ich denn meinen Sohn überhaupt lieben?

Bin ich denn wirklich niemals geliebt worden?

Ist es mir wirklich nicht möglich, meinem Kind gegenüber das Gefühl aufzubringen, das ich nie gespürt habe und über all meine Jahre hinweg, ohne es zu wissen, immer wieder verzeifelt gesucht habe?Aber warum habe ich gesucht?Wieso habe ich etwas gesucht, das ich doch gar nicht kannte?

Da fällt er mir ein, der Sommer, der eine Sommer in meinem Leben, wo ich geliebt worden bin, wo ich dies wunderbare unglaublich warme Gefühl der Liebe so satt, so in vollen Zügen erleben durfte, wie ich es nachher nur noch bei meinem Sohn erlebt habe. Es war etwas länger als ein Sommer, aber ich habe die Wärme dieser Liebe so in Erinnerung, dass mir die Zeit wie ein langer Sommer vorkommt, der noch immer mein Herz erwärmt, wenn ich daran zurück denke.

Wir hatten von unserem Onkel eine griechische Landschildkröte geschenkt bekommen, die sinnigerweise den Namen Muschi erhielt. Sie stiefelte in meinem Zimmer herum, untersuchte alles mögliche, kaute an ihrem Grünfutter, und gab mir ansonsten recht wenig, was mich dazu hätte bringen können, sie zu mögen.

Doch dann wurde ich zu einem Geburtstag einer Klassenkameradin eingeladen, und, ausser dem üblichen Kuchen, gab des dort eine Katzenmutter, mit 4 kleinen Kätzchen, niedliche kleine Mauzer, die noch völlig töffelig durch die Gegend stolperten.

Als ich dann hörte, dass die kleinen Katzen nicht dort bleiben durften, als mir eine kleine Mieze angeboten wurde, da habe ich nicht lange überlegt, und der erste kleine Mauzer, der in meine Richtung stolperte, war meiner.

In einem Schuhkarton für Kleinkinderschuhe brachte ich ihn nach Hause, und, das muss man meinen Eltern lassen, er wurde dort mit offenen Armen aufgenommen. Sie nannten ihn Peter, sie streichelten ihn, er durfte eigentlich fast alles tun, er wurde von allen verwöhnt, aber zusammensein wollte mein kleiner Kater nur mit mir.

Er holte mich von der Schule ab, lies sich dann auf dem Rückweg tragen, und erzählte mir, wie sehr er mich vermisst hatte. Er teilte sich sein Katzenfutter mit der Schildkröte, die herausgefunden hatte, das Peters Futter besser schmeckte als das Grünzeug, und die jetzt auch darauf bestand,wie der Kater auf dem Schreibtisch zu sitzen, wenn ich Hausaufgaben machte. Sie kraxelte auf den Heften herum, mein Kater spielte:fang die Maus mit meinem Füller, wenn ich schrieb. Etwas später flog mir tatsächlich noch ein Wellensittich zu.Einfach so, war er plötzlich da, bekam seinen Käfig, den er sinnigerweise selbst öffnen konnte, und, als würden Schildkröte und Kater nicht schon genug Zerstörungsarbeit an meinen Heften leisten, fing der Lütte an, die Seiten meiner Hefte in schmale Streifen zu knabbern.

Erstaunlich war, dass der Kater nie auf die Idee kam, den Wellensittich zu jagen. Erst später las ich, dass bei Katzen der Jagdinstinkt erst geweckt wird, wenn sich ein Tier von ihnen fortbewegt, und das tat der Wellensittich nun wirklich nicht. Ganz im Gegenteil, er latschte immer zwischen die Vorderpfoten des Katers plusterte sich dort auf, und schlief eine Runde, während die Schildkröte sich an die Seite des Katers lehnte. Mein Kater guckte mich immer ganz vorwurfsvoll an, zu bewegen, das wagte er sich nicht, denn der Wellensittich fing fürchterlich an, zu schimpfen, wenn er in seiner Ruhe gestört wurde.

War es ganz übel, dann hatte sich Peter auf meine Arme gelegt, den Wellensittich zwischen seinen Pfoten, und die Schildkröte auch in meinen Armen zwischen dem Kater und mir.

Mein kleiner Kater, mein wundervolles Tier, das mir auf so wunderbare Weise die Liebe geschenkt hat. Ich sehe ihn vor mir, als wäre es gestern gewesen.

Der kleine Racker, der mit meinen Fingern :fang die Maus spielt, wenn ich Klavier üben soll, ich sage Ihnen, ich war zu der Zeit sehr flott am Klavier.

Der kleine Kater, der immer am verhungern war, wenn es etwas zu essen gab. Zu der Zeit habe ich eigentlich nur Butterbrot gegessen, und das auch nicht vollständig. Die Wurst ass der Kater und am Brot knabberten der Wellensittich und die Schildkröte, traut vereint unter meinem Stuhl.

Der wunderbare kleine Kater, der mir ausgerechnet an meinem Geburtstags ein lebendiges kleines Kaninchen ins Bett bringt, ein kleines zitterndes Wesen, das ich in meinen Händen halte. ich zieh mich, so gut es geht an, und will das Tierchen nach draussen bringen, und mein Kater meckert: Ey, was machst du denn da? Lass das sein , ich hab mir solche Mühe gegeben, es für dich zu fangen!!!nein, nicht freilassen, lass mich in Ruhe, du bist doof, du weisst ein leckeres Kaninchen nicht zu schätzen, nein, ich will nicht auf deinen Arm, lass mich in Ruhe!!!!Undbeleidigt zieht er ab, der kleine Kater, der mir mit dem Kaninchen einen so grossen Liebesbeweis erbracht hat, und den ich so schlecht gewürdigt habe.

Ich bekomme Tuberkulose. Strenge Isolation. Fällt meiner Familie nicht schwer…wenn ich krank bin, kommen sie eh nur rein, um mir das Essen zu bringen. Jetzt mit Mundschutz, und laufendem Gemecker, dass sie so oft zum Gesundheitsamt müssen, damit ihr Gesundheitszustand überprüft wird.

Nur wenn der Hausarzt kommt, steht meine Mutter dabei mit ihrem falschen Grinsen und ihrem bösen Blick. Und wenn er geht, ist sie auch wieder fort..eigentlich nicht schlecht, so hab ich meine Ruhe.. aber diesmal ist es schlecht. Mein Kater wird auf den Balkon gesperrt..nur ein schmaler Spalt bleibt offen , damit ich frische Luft habe..und mein Kater mauzt herzzerreisend . Aber dann wird es still..ganz still..und dann höre ich das sanfte Schnurren, ich fühle die weichen Pfoten auf dem Bett, und dann steht Peter vor mir, beschnuppert mich mit weichem Näschen und gibt mir ein Küsschen aus die Nasenspitze, und ich bin hin und hergerissen. Ich bin so glücklich, dass er da ist, aber ich habe Angst, dass er sich ansteckt, und so rufe ich nach meinen Eltern, denn auch mein Vater arbeitet zu Hause. Ich rufe, ich schreie, ich weine, ich bettle, ich habe entsetzliche Angst um meinen Peter, der sich unter der Decke auf meinem Bauch ausstreckt.

Aber niemand kommt. Erst zum Abendbrot reicht mir meine Mutter mit einem Mundschutz eine Scheibe Brot, wäscht sich vor meinen Augen demonstrativ die Hände mit Sagrotan, sagt mir, ich wär daran Schuld und der Kater wär ihr eh egal.

Draussen tobt ein Gewitter, es ist Nachmittag und stockdunkel, der Donner knallt so laut, dass ich voller Angst ins Bett springe, und mir die Decke über den Kopf ziehe. Und da kommt ein Mauzen und ein Schnurren, und da steht der kleine Kater vor mir, mit vorwurfsvollem Blick: was ist? hast du die anderen vergessen? Sie haben auch Angst!

Ich blicke auf den Boden, da ist meine Schildkröte vor dem Bett und schaut sehnsüchtig noch oben, der Wellensittich hat seinen Käfig geöffnet und stakst vorsichtig in Richtung Bett. Und da nehme ich sie, die beiden, zu Peter und mir ins Bett, und eng aneinandergekuschelt überstehen wir dieses Gewitter.

Und diese Liebe, dieses Bild mit den wunderbaren kleinen Tieren, die sich und mich so unbegrenzt liebten, ohne jeden Rückhalt, diese Wärme hat sich in mein Herz und in meine Seele eingegraben, ganz tief, ganz fest, als Grundstock für den Frieden, den ich nach fast 40 Jahren endlich finden durfte, den ich jetzt leben darf.

Achja, dieser Sommer, dieser Sommer, der so schön war, er endete mit Schmerz und Schrecken,so plötzlich, wie sie gekommen waren, so plötzlich gingen sie, meine geliebten Tiere, aus meinem Leben.

Der kleine Kater wurde krank, und, obwohl mein Vater überdurchschnittlich gut verdiente, war er nicht bereit, das Geld für einen Tierarzt auszugeben. Tiere waren das nicht wert. Wenn ich nach Hause kam, holte ich das Tierchen aus seinem Korb und hielt ihn in den Armen, erzählte ihm, wie lieb ich ihn habe,und die beiden anderen waren da und liebkosten ihn.

Und eines Tages war der Korb leer.

Auf meine Frage, wo der Kater sei, sagte meine Vater, er wäre mit ihm beim Tierarzt zum einschschläfern gewesen. Den Kater hatte er hinter dem Haus im Garten vergraben.

Ich tobte, ich weinte, ich schrie, ich lief hinaus, ich wollte ihn ausgraben…

Abends holte mich mein Vater wieder ins Haus, völlig durchnässt. Es hatte geregnet. Der Himmel weinte mit mir.

Wochen später, als mein Weinen nicht enden wollte, verschwand der Wellensittich..angeblich war er einfach fortgeflogen.

Und dann setzte mein Vater ohne mein Wissen die Schildkröte aus, …das wäre nichts für mich.

Danach war meine Seele stumm.