Tretet ein

September 4, 2007

Wie ist das, wenn man liebt?

„Wenn man nie geliebt wurde, nie in die Arme genommen wurde , wenn man immer nur auf Ablehnung gestossen ist, kann man dann überhaupt lieben?“

Diese Frage stelle ich meiner Therapeutin, und es war die letzte Frage, die ich ihr stellen konnte, denn was mir in der Therapie klar wurde, was mein Verstand da zuliess, das war so wahnwitzig, dass sie eine Weiterführung der Behandlung nicht mehr zulassen wollte.

„Das können Sie niemals verarbeiten“, sagte sie ,“Sie werden stationär aufgenommen werden müssen, das ist zuviel.“ Und sie ist nicht die einzige, die das sagt, niemand ist bereit, mit mir das aufzuarbeiten, was hochgekommen war, was ich plötzlich wieder im Traum erleben musste, die Vergewaltigung durch meinen Onkel, als ich 1 Jahr alt war.

Meine Eltern hatten mich bei meiner Grossmutter mütterlicherseits zusammen mit meiner älteren Halbschwester untergebracht, weil meine Mutter 1. mich nicht haben wollte, und 2. wusste, dass meine ältere Schwester da gut aufgehoben war , da sie der geschütze Liebling der Familie mütterlicherseits war, und 3. meine Mutter alles andere als eine Mutter war und sie eigentlich keine Kinder, schon gar nicht mich, haben wollte.

Beiden, meinem Vater und meiner Mutter war klar, was mich erwarten würde, sie waren genug von Freunden und Verwandten gewarnt worden , mein Vater gab es in einer guten Stunde zu, genauso, wie sie zugaben, dass sie mich nie geliebt hatten.

Erst, als meine Grossmutter väterlicherseits endlich einmal ihre Enkelin sehen wollte, nach Coburg kam, und mitansehen musste, was mir angetan wurde , hatte dieser Schrecken ein Ende, denn sie zwang meinen Vater mich zurück zu holen.

Sie hat mit angesehen, wie mein Onkel mich -wie sagt man so schön?- in Gegenwart meiner Schwester befummelt; meine Schwester geht daraufhin zu meiner Grossmutter und flüstert ihr zu, was passiert ist, und daraufhin kommt meine Grossmutter zu mir und verprügelt mich, da ich ja ihren erwachsenen Sohn verführt habe.

Und das ohne einen Funken Scham in Gegenwart meiner anderen Grossmutter.

Das Hallo war gross, meine Eltern holten uns nach Hause, und ab dann spürte ich den alltäglichen Hass meiner Mutter und die extreme Gefühlskälte meines Vaters.

Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals von meinen Eltern in die Arme genommen worden zu sein, das was in meinem Kopf ist, sind Schläge und dazu das widerliche Lachen meiner Mutter, die sich an diesen Prügelorgien regelrecht aufgeilte, ich erinnere mich an ihre kreischende Stimme, wenn es, natürlich nur für mich, etwas zu tun gab, an die ewigen Streitereien meiner Eltern, die immer damit endeten, dass entweder meine Schwester oder ich die Schuld für diesen Streit bekamen.

„Das Monster ist geweckt in Ihnen, die Mauer ist gebrochen. Um Himmels Willen, bauen Sie diese Mauer wieder auf, lassen Sie es nicht zu, dass die Erinnerungen Sie zerfressen, blocken Sie ab, das können Sie niemals verarbeiten“

Ich habe die Mauer wieder aufgebaut, um dieses Monster, aber um welchen Preis? Ich musste die Mauer vergrössern, ich musste sie um einen Teil meiner Seele bauen, und immer, wenn ich nicht aufpasse, dann greift es an, ohne Vorwarnung, bösartig, bereitet grenzenlose Schmerzen und entwickelt schwerste Krankheiten in meinem Körper, die ich immer wieder bekämpfen muss. Es ist nicht der erste Krebs, den ich habe, nicht die erste Krankheit, die mich hätte töten können, aber ich habe es immer wieder geschafft, ich bin immer wieder aufgestanden, und, ich hoffe, das es mir vergönnt ist, hier noch ein wenig zu verweilen.

Kann ich denn meinen Sohn überhaupt lieben?

Bin ich denn wirklich niemals geliebt worden?

Ist es mir wirklich nicht möglich, meinem Kind gegenüber das Gefühl aufzubringen, das ich nie gespürt habe und über all meine Jahre hinweg, ohne es zu wissen, immer wieder verzeifelt gesucht habe?Aber warum habe ich gesucht?Wieso habe ich etwas gesucht, das ich doch gar nicht kannte?

Da fällt er mir ein, der Sommer, der eine Sommer in meinem Leben, wo ich geliebt worden bin, wo ich dies wunderbare unglaublich warme Gefühl der Liebe so satt, so in vollen Zügen erleben durfte, wie ich es nachher nur noch bei meinem Sohn erlebt habe. Es war etwas länger als ein Sommer, aber ich habe die Wärme dieser Liebe so in Erinnerung, dass mir die Zeit wie ein langer Sommer vorkommt, der noch immer mein Herz erwärmt, wenn ich daran zurück denke.

Wir hatten von unserem Onkel eine griechische Landschildkröte geschenkt bekommen, die sinnigerweise den Namen Muschi erhielt. Sie stiefelte in meinem Zimmer herum, untersuchte alles mögliche, kaute an ihrem Grünfutter, und gab mir ansonsten recht wenig, was mich dazu hätte bringen können, sie zu mögen.

Doch dann wurde ich zu einem Geburtstag einer Klassenkameradin eingeladen, und, ausser dem üblichen Kuchen, gab des dort eine Katzenmutter, mit 4 kleinen Kätzchen, niedliche kleine Mauzer, die noch völlig töffelig durch die Gegend stolperten.

Als ich dann hörte, dass die kleinen Katzen nicht dort bleiben durften, als mir eine kleine Mieze angeboten wurde, da habe ich nicht lange überlegt, und der erste kleine Mauzer, der in meine Richtung stolperte, war meiner.

In einem Schuhkarton für Kleinkinderschuhe brachte ich ihn nach Hause, und, das muss man meinen Eltern lassen, er wurde dort mit offenen Armen aufgenommen. Sie nannten ihn Peter, sie streichelten ihn, er durfte eigentlich fast alles tun, er wurde von allen verwöhnt, aber zusammensein wollte mein kleiner Kater nur mit mir.

Er holte mich von der Schule ab, lies sich dann auf dem Rückweg tragen, und erzählte mir, wie sehr er mich vermisst hatte. Er teilte sich sein Katzenfutter mit der Schildkröte, die herausgefunden hatte, das Peters Futter besser schmeckte als das Grünzeug, und die jetzt auch darauf bestand,wie der Kater auf dem Schreibtisch zu sitzen, wenn ich Hausaufgaben machte. Sie kraxelte auf den Heften herum, mein Kater spielte:fang die Maus mit meinem Füller, wenn ich schrieb. Etwas später flog mir tatsächlich noch ein Wellensittich zu.Einfach so, war er plötzlich da, bekam seinen Käfig, den er sinnigerweise selbst öffnen konnte, und, als würden Schildkröte und Kater nicht schon genug Zerstörungsarbeit an meinen Heften leisten, fing der Lütte an, die Seiten meiner Hefte in schmale Streifen zu knabbern.

Erstaunlich war, dass der Kater nie auf die Idee kam, den Wellensittich zu jagen. Erst später las ich, dass bei Katzen der Jagdinstinkt erst geweckt wird, wenn sich ein Tier von ihnen fortbewegt, und das tat der Wellensittich nun wirklich nicht. Ganz im Gegenteil, er latschte immer zwischen die Vorderpfoten des Katers plusterte sich dort auf, und schlief eine Runde, während die Schildkröte sich an die Seite des Katers lehnte. Mein Kater guckte mich immer ganz vorwurfsvoll an, zu bewegen, das wagte er sich nicht, denn der Wellensittich fing fürchterlich an, zu schimpfen, wenn er in seiner Ruhe gestört wurde.

War es ganz übel, dann hatte sich Peter auf meine Arme gelegt, den Wellensittich zwischen seinen Pfoten, und die Schildkröte auch in meinen Armen zwischen dem Kater und mir.

Mein kleiner Kater, mein wundervolles Tier, das mir auf so wunderbare Weise die Liebe geschenkt hat. Ich sehe ihn vor mir, als wäre es gestern gewesen.

Der kleine Racker, der mit meinen Fingern :fang die Maus spielt, wenn ich Klavier üben soll, ich sage Ihnen, ich war zu der Zeit sehr flott am Klavier.

Der kleine Kater, der immer am verhungern war, wenn es etwas zu essen gab. Zu der Zeit habe ich eigentlich nur Butterbrot gegessen, und das auch nicht vollständig. Die Wurst ass der Kater und am Brot knabberten der Wellensittich und die Schildkröte, traut vereint unter meinem Stuhl.

Der wunderbare kleine Kater, der mir ausgerechnet an meinem Geburtstags ein lebendiges kleines Kaninchen ins Bett bringt, ein kleines zitterndes Wesen, das ich in meinen Händen halte. ich zieh mich, so gut es geht an, und will das Tierchen nach draussen bringen, und mein Kater meckert: Ey, was machst du denn da? Lass das sein , ich hab mir solche Mühe gegeben, es für dich zu fangen!!!nein, nicht freilassen, lass mich in Ruhe, du bist doof, du weisst ein leckeres Kaninchen nicht zu schätzen, nein, ich will nicht auf deinen Arm, lass mich in Ruhe!!!!Undbeleidigt zieht er ab, der kleine Kater, der mir mit dem Kaninchen einen so grossen Liebesbeweis erbracht hat, und den ich so schlecht gewürdigt habe.

Ich bekomme Tuberkulose. Strenge Isolation. Fällt meiner Familie nicht schwer…wenn ich krank bin, kommen sie eh nur rein, um mir das Essen zu bringen. Jetzt mit Mundschutz, und laufendem Gemecker, dass sie so oft zum Gesundheitsamt müssen, damit ihr Gesundheitszustand überprüft wird.

Nur wenn der Hausarzt kommt, steht meine Mutter dabei mit ihrem falschen Grinsen und ihrem bösen Blick. Und wenn er geht, ist sie auch wieder fort..eigentlich nicht schlecht, so hab ich meine Ruhe.. aber diesmal ist es schlecht. Mein Kater wird auf den Balkon gesperrt..nur ein schmaler Spalt bleibt offen , damit ich frische Luft habe..und mein Kater mauzt herzzerreisend . Aber dann wird es still..ganz still..und dann höre ich das sanfte Schnurren, ich fühle die weichen Pfoten auf dem Bett, und dann steht Peter vor mir, beschnuppert mich mit weichem Näschen und gibt mir ein Küsschen aus die Nasenspitze, und ich bin hin und hergerissen. Ich bin so glücklich, dass er da ist, aber ich habe Angst, dass er sich ansteckt, und so rufe ich nach meinen Eltern, denn auch mein Vater arbeitet zu Hause. Ich rufe, ich schreie, ich weine, ich bettle, ich habe entsetzliche Angst um meinen Peter, der sich unter der Decke auf meinem Bauch ausstreckt.

Aber niemand kommt. Erst zum Abendbrot reicht mir meine Mutter mit einem Mundschutz eine Scheibe Brot, wäscht sich vor meinen Augen demonstrativ die Hände mit Sagrotan, sagt mir, ich wär daran Schuld und der Kater wär ihr eh egal.

Draussen tobt ein Gewitter, es ist Nachmittag und stockdunkel, der Donner knallt so laut, dass ich voller Angst ins Bett springe, und mir die Decke über den Kopf ziehe. Und da kommt ein Mauzen und ein Schnurren, und da steht der kleine Kater vor mir, mit vorwurfsvollem Blick: was ist? hast du die anderen vergessen? Sie haben auch Angst!

Ich blicke auf den Boden, da ist meine Schildkröte vor dem Bett und schaut sehnsüchtig noch oben, der Wellensittich hat seinen Käfig geöffnet und stakst vorsichtig in Richtung Bett. Und da nehme ich sie, die beiden, zu Peter und mir ins Bett, und eng aneinandergekuschelt überstehen wir dieses Gewitter.

Und diese Liebe, dieses Bild mit den wunderbaren kleinen Tieren, die sich und mich so unbegrenzt liebten, ohne jeden Rückhalt, diese Wärme hat sich in mein Herz und in meine Seele eingegraben, ganz tief, ganz fest, als Grundstock für den Frieden, den ich nach fast 40 Jahren endlich finden durfte, den ich jetzt leben darf.

Achja, dieser Sommer, dieser Sommer, der so schön war, er endete mit Schmerz und Schrecken,so plötzlich, wie sie gekommen waren, so plötzlich gingen sie, meine geliebten Tiere, aus meinem Leben.

Der kleine Kater wurde krank, und, obwohl mein Vater überdurchschnittlich gut verdiente, war er nicht bereit, das Geld für einen Tierarzt auszugeben. Tiere waren das nicht wert. Wenn ich nach Hause kam, holte ich das Tierchen aus seinem Korb und hielt ihn in den Armen, erzählte ihm, wie lieb ich ihn habe,und die beiden anderen waren da und liebkosten ihn.

Und eines Tages war der Korb leer.

Auf meine Frage, wo der Kater sei, sagte meine Vater, er wäre mit ihm beim Tierarzt zum einschschläfern gewesen. Den Kater hatte er hinter dem Haus im Garten vergraben.

Ich tobte, ich weinte, ich schrie, ich lief hinaus, ich wollte ihn ausgraben…

Abends holte mich mein Vater wieder ins Haus, völlig durchnässt. Es hatte geregnet. Der Himmel weinte mit mir.

Wochen später, als mein Weinen nicht enden wollte, verschwand der Wellensittich..angeblich war er einfach fortgeflogen.

Und dann setzte mein Vater ohne mein Wissen die Schildkröte aus, …das wäre nichts für mich.

Danach war meine Seele stumm.

Eine Antwort zu “Tretet ein”

  1. schreibblogkade said

    Erwachsene sind echt doof.

    Aber schön das ich mal Zeit hatte endlich hier zu lesen und noch schöner das du hier bist, Liebe Karin!

    Viele Grüße

    Die Schreibblogkade

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