Das Lachen ist mein Leben

September 7, 2007

So, ich glaube, ich stelle mich auch mal vor.

Ich habe meine Diagnose an einem kalten Novembertag im Jahr 2006 erhalten. Nicht mehr heilbarer Brustkrebs…naja…

Erst hat mein Verstand sich geweigert, das zu verarbeiten…aber irgendwann abends, da habe ich mich auf dem Bett ausgestreckt, die Augen geschlossen, und habe gedacht: wer immer du auch bist, was immer auch da ist…wenn du mir helfen willst, dann hilf mir, gib mir die Kraft, die ich brauche, um das zu überstehen.

Und dann kam sie, die Kraft.Gewaltig, dunkel und stark, weich wie eine Wolke, aber doch so stark, dass ich in ihr geschwebt bin. Ich bin geschwebt auf so viel Stärke, so viel Sicherheit, dass ich mit einem mal begriff, dass ich es schaffen kann. Es war ein unglaubliches Gefühl, wirklich.Ich wusste einfach, dass ich in Sicherheit bin.
Diese Nacht habe ich das erste mal wieder gut geschlafen.

Und da waren meine Nachbarn: eine alte Dame, der es furchtbar schlecht ging, und eine Dame in meinem Alter, die Blutkrebs hatte, und davor eine fürchterliche Angst. Ich habe mit ihnen geweint, ich habe sie getröstet…und dann habe ich angefangen, mit ihnen zu lachen. Ich habe ihnen erzählt, wie schön das Leben ist, ich habe sie wirklich zum Lachen gebracht…und, was soll ich sagen…die beiden erholten sich, ihre Blutwerte wurden bestens, und sie lachten und freuten sich…und die alte Dame sagte, sie hätte viel bei mir gelernt, und darüber würde sie sich freuen.
Und die Ärzte kamen gerne zu uns herein, und lachten mit uns, und freuten sich, dass es uns so gut ging.
Und als ich ging, sagte die Ärztin, bei mir wäre sie sicher, das ich das unmögliche schaffen kann…

Auch, wenn ich zur Chemo ging, oder jetzt, wo ich Herceptin kriege… die Schwestern und Ärzte freuen sich, wenn sie mich sehen, und die Patienten, die mich kennen, lachen mich an..ich sag euch, das tut gut.

Und bei der Strahlentherapie hab ich das auch mal eingeführt .
Und siehe da, sie lachen, und freuen sich, und sie fühlen sich viel wohler, alle die, die da sitzen, die Menschen, die ja doch nur leben wollen…

Eigentlich habe ich das immer so gemacht, wenn ich von einer schweren Krankheit geheilt war…und mag es noch so arrogant klingen…die Menschen um mich herum haben mich dafür geliebt, und…sie wurden einfach viel schneller gesund.

Das ist meine Macke…wenn ihr so wollt…

Ich kann durchaus zuhören, ich kann mitfühlend sein…

Aber, seid ehrlich, was ist das Leben ohne Freude? Wir wissen doch alle, dass wir krank sind, wir wissen, wie sehr wir krank sind, und ein bischen Trost ist sehr hilfreich in schweren Zeiten.
Aber wir leben doch!!!!
Wir wollen doch teilhaben am Leben, am Lieben, am Lachen.
Ich will es. Und darum lache ich, weil ich gerne lache, und ich lebe, weil ich gerne lebe.
Ich bin dankbar, dass ich noch leben darf, dass die Medizin soweit ist, so gut helfen zu können.
Ich bin dankbar, dass es den Chat gibt, wo ich lachen und leben und mitfühlen und leiden und zuhören kann.

Es gibt für alles eine Zeit.

Und für mich ist das Lachen das Leben.

So habe ich mich in einem Forum vorgestellt, in einem Forum für überwiegend brustkrebskranke Frauen.

Der Grund? Es war für einige nicht nachvollziehbar, dass ich, trotz meiner Erkrankung , weiterhin lachen und fröhlich sein konnte, dass ich trotz allem die Freude am Leben nicht verlernt hatte. Und ich wollte doch so gerne, dass es allen so ging, das alle die Freude am Leben wiederfinden sollten. Ich hoffe, es hat ein wenig geholfen, denjeningen, die so unglaublich traurig und hilflos sind, die einfach nicht wissen, wie sie mir der Erkrankung umgehen sollen.

Ich hoffe es von ganzem Herzen.

Mir schwirren die Gedanken durch den Kopf, sie sind kaum zu fassen, so schnell blitzen sie auf und brennen sich ein in meine Seele, in mein Leben. Es wird alles immer klarer, immer deutlicher, ich verstehe mich immer besser, und jetzt, wo ich noch einmal lese, was ich da geschrieben habe, jetzt verstehe ich, warum das Lachen mein Leben ist!

Wie ich bereits schrieb, erinnere ich mich eigentlich nur an ewige Streitereien zwischen meinen Eltern, an ihr ewiges Gejammere, sie würden eh bald sterben ( sie leben heute noch und sind kerngesund!!!), daran dass sie immer darauf pochten, wie dankbar wir doch sein müssten, es so gut zu haben usw., usw…

Meine Reaktionen darauf waren dauerndes Kranksein, und übermässig lange Aufenthalte im Krankenhaus, die ich über die Massen genoss, da meine Eltern mich grundsätzlich dort nie besuchten. Es war grauenhaft, wenn ich wieder entlassen werden sollte, mir fielen alle möglichen Wehwechen ein, nur um den Aufenthalt zu verlängern, leider waren sie meist nicht so wirksam, wie ich es mir erhoffte.

Der erste Abend zu Hause war dann einigermassen zivil, da meine Eltern sich dann erzählen liessen, wie es im Krankenhaus war, und, komischerweise…nein, nicht komischerweise, es kam wohl instinktiv, kamen von mir nur lustige Dinge, die ich dort erlebt hatte. Instinktiv daher, weil es meine Eltern überhaupt nicht interessierte, was ich gehabt hatte, und meine Mutter grundsätzlich der Meinung war, sowieso kränker zu sein als ich.

Aber wenn ich ihnen die lustigen Dinge erzählte, dann lachten sie, dann war der Abend gerettet, sogar einige Tage danach, weil sich meine Familie gerne daran erinnerte.Und weil es so gut funktionierte, baute ich diese Fähigkeit, lustig zu erzählen , aus. Es klappte so gut, dass meine Familie am Ende regelrecht süchtig wurde nach meinen Erzählungen, dass es ihnen egal war, wie es mir ging, hauptsache, meine Erzählungen holten sie aus ihrem tristen Alltag heraus. Das entspannte die allgemeine Lage natürlich ungemein, und erleichterte mein Zusammenleben mit ihnen.

Ich muss dazu sagen, dass dies alles unbewusst geschah, jetzt wird es mir klar, warum ich das getan habe, warum ich noch immer, wenn ich eine prekäre Situation erlebe oder ahne, anfange, die Dinge so unglaublich leicht und locker zu sehen; einfach, weil es mir schon immer geholfen hat, besser und angenehmer zu leben.

Damals ,wie heute, war und bin ich ein gern gesehener Gast, egal, wo ich auftauche, ich war und bin ein Garant für gute Laune, leicht locker, flockig, wie man so sagt, und das schaffe ich völlig unabhängig davon, wie es mir geht.

Das hat mir den Vorteil gebracht, sehr beliebt zu sein, aber zwei ganz entscheidene Faktoren haben es verhindert, einen engeren Kontakt zu den Menschen aufzubauen, die mich so mochten, wie ich bin…glaubten sie… wie ich bin… aber ich war nicht so!!

Ich habe ihnen allen vorgegaukelt, was ich nie gewesen bin, und wenn es dann doch passierte, das mich das Elend überkam, wenn ich doch einmal angesichts der Ungeheuerlichkeit meines völlig verdrehten Lebens zusammenbrach, dann verschwanden sie, die Menschen, die durch den Zusammenbruch völlig geschockt waren. Darf ich es ihnen verdenken? Mit Sicherheit nicht, denn ich habe ihnen etwas vorgespielt, was sie suchten, und habe mich dann als das geoutet, was sie mit Sicherheit nicht haben wollten, was sie niemals verarbeiten konnten, zumal mir lange Zeit selber nicht bewusst war, warum ich das überhaupt machte. Mir war nie klar, dass ich die ganze Zeit nach der einen Liebe suchte, die ich nie bekommen hatte, die ich einen Sommer lang erahnen durfte, einen wunderbaren kurzen, langen Sommer lang.

Aber was habe ich gelernt in all dieser Zeit, es war unglaublich viel, was ich erleben durfte…all diese Menschen mit ihren unterschiedlichen Arten, zu lachen, oh ja, es gibt viele Arten zu lachen… das höfliche Lachen, das kalte Lachen, das berechnende Lachen, das verlegene Lachen, das Lachen um des Lachens willen, das hysterische Lachen, das verzweifelte Lachen, das alberne Lachen. All dieses lachen, das mir körperliche Schmerzen bereitet, weil ich die Seele nicht sehen kann, weil die Augen über diesem Lachen so merkwürdig kalt und gefühllos sind. Aber ich habe gelernt, zu lesen, auch aus seelenlosen Augen, ich lese ihre Geschichte, ich erkenne ihre Schwächen und ihre Stärken, und ich begreife, warum sie so sind, wie sie sind.

Und dann doch die Krönung: Das Lachen, das aus dem Herzen kommt, aus der Seele, das den Menschen überirdisch schön erscheinen lässt,das die Seele der anderen überfliessen lässt in ihrer Freude und diesen Augenblick so unendlich kostbar und reich macht. Diese Lachen, was ich immer so gesucht habe, das mir so unendlich gut tat, wenn ich es lachen durfte, diese Lachen, das mein Sohn lacht , das bei ihm als reines Kinderlachen bezeichnet wurde, bei dem den Menschen die Herzen aufgegangen sind, und sie selber lachen mussten, ein ehrliches Lachen…Es ist so weich, dass mir eine Mutter sagte: “ Als ich das Lachen hörte, da wusste ich, dass er der beste Freund für meinen Sohn sein wird. Ein Kind, das so lachen kann, muss einfach glücklich sein.“

Was hat mir diese Aussage gut getan. Mein ganzes Streben, einen Menschen glücklich zu machen, war erfolgreich, mein Sohn ist glücklich…was will ich mehr? Wir lachen miteinander, wir haben ein unglaubliches Vertrauensverhältnis, wir verstehen uns blind.

Und jetzt spüre ich meine Seele, die ich schon längst tot geglaubt hatte, sie erwacht aus ihrem tiefen Schlaf und mit ihr…ein kleines Kind, ein Kind, gefangen in einer dunklen kalten Höhle, wo Blut von den Wänden tropft, und das Kind kauert sich in eine Nische, verängstigt,allein. Irgendwo, in weiter Ferne ist ein Licht, ein kleines Licht, zu weit weg, als das es das Kind sehen könnte… Und ich weiss jetzt, dass ich es bei der Hand nehmen muss, das ich es leiten muss, zum Licht, in die Wärme, mir wird bewusst, dass nur ich es tun kann, weil es nur mir vertrauen kann, das kleine Kind, das ich selber bin.

„Ich möchte nie mehr ein Kind sein“ sage ich zu meinem Sohn, “ nie mehr..aber.. müsste ich es doch noch einmal sein, dann möcht ich so sein , wie du.“ Und ich meine es ernst. Ich wollte mein Kind bekommen, um einmal zu sehen, wie ich vielleicht geworden wäre, wenn man mich geliebt hätte, und ich erkenne, wie schön es hätte werden können.

Mein Sohn liebt mich, er liebt mich über alles. – Bis in die Unendlichkeit und zurück, und das unendliche Male- so sagt er es mir..so reich an Liebe, so reich an Zärtlichkeit…

Einmal, als er sich etwas so sehnlichst wünscht, etwas, was finanziell einfach nicht machbar ist, sage ich voller Verzweiflung:“ Goldschatz, wenn ich es könnte, ich würde dir das Paradies auf Erden schenken..“ Und mein Kind sagt, und ich zitiere, weil sich mir jedes Wort tief in die Seele eingebrannt hat: “ Mama, das musst du nicht, ich habe ja hier schon das Paradies.“

Dieser Satz, dieser eine, so ehrlich gemeinte Satz aus dem Munde meines Sohnes, er ist so kostbar, so einzigartig, er tut so gut, dass mein Leben aufblüht.. er macht, dass mein Lachen, das ich mir immer gewünscht habe, diese reine Lachen, wirklich und wahrhaftig nur noch aus der Seele und aus dem Herzen kommt, und mir das gibt, was ich immer gesucht habe. Mein Leben.

2 Antworten zu “Das Lachen ist mein Leben”

  1. schreibblogkade said

    Viele Grüße an deinen „Kleinen“.

    🙂

  2. Meine Augen kleben an diesen Texten, die das Leben schrieb, Vieles kommt mir bekannt vor, wie sehr Menschen doch oft einander ähneln !!

    Positives Denken, Optimismus waren und sind auch meine Wegbegleiter.

    Danke für diesen persönlichen Einblick !

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