Nimm dich in Acht!!!

September 15, 2007

Nimm dich in Acht!!.. die Stimme gellt in meinem Kopf. Nimm dich in Acht. Ich zucke zurück, ich weiß nicht wovor ich aufpassen soll. Es wird schlimm werden, das weiß ich, aber ich weiß nicht, was kommen wird.

Viel zu oft habe ich sie gehört, die Stimme.

Es fällt mir nicht leicht, dies zu schreiben, weil ich noch immer daran kaue, weil ich es kaum verdrängen kann.

Womit fange ich an? Klar, mit der üblichen Beschuldigung meiner Mutter: „Du bist Schuld!“

..Das frisst sich ein, zumal, diese Situation ist heftig. Zwei Kriminalbeamte sind an diesem Sonntagmorgen über den Rasen zu unserem Haus gekommen. Meine Eltern gehen ihnen entgegen, sie reden, und dann seh ich meine Mutter zum ersten Mal heulen: „Oh Gott, wie furchtbar, “ heult sie als sie ins Haus kommen, „der arme D….“. Das ist mein Freund, nein genauer gesagt, das war mein Freund, abends zuvor habe ich mich von ihm getrennt. Es war zuviel. Er war zu aggressiv, er hatte mich geschlagen. Etwas, was ich überhaupt nicht ab konnte, was mich immer zur Weißglut trieb. Wie sollte ich wissen, dass er hochgradig rauschgiftsüchtig war, hoch verschuldet?? Woher konnte ich mit meinen 16 Jahren ahnen, dass er total am Ende war??? Ich wusste damals noch nicht einmal, dass es Rauschgift gab, geschweige denn, dass ich die Auswirkungen realisieren konnte.

Ich hatte einfach Schluss gemacht, und er weinte (das konnte ich schon gar nicht leiden!!), wollt noch einen Kuss, und dann sagte er, „Dann geh ich nach Hause und häng mich auf… “Ich wurde wütend ..solch eine Erpressung fand ich geradezu zu kotzen. Widerwillig lies ich mich küssen, nur, damit er endlich ging, stieß ihn weg und ging ins Haus.

So genervt war ich, dass ich sogar meinem Vater morgens erzählte, was passiert war. Mein Vater fand das auch ziemlich dämlich…endlich waren wir mal einer Meinung….

Und dann kamen sie über den Rasen, die beiden Beamten, zu uns, zu mir, um mir zu sagen, das er sich wirklich aufgehängt hatte, gestern abends… dass seine Eltern ihn gefunden haben… diese Menschen, so erzkatholisch waren sie, dass es für sie feststand, wir werden heiraten….und jetzt stand für sie fest, ich hatte ihn in den Tod getrieben; deswegen kamen die Beamten zu uns…

 Sie fragten mich nach dem Abend aus, was vorgefallen war..ich war wie betäubt, ich verstand kaum, was sie fragten… Und da kam er, der Satz, der sich in mich einfraß: Du bist Schuld!!!

„Das dürfen Sie aber nicht so sagen, reagiert einer der Männer entsetzt, „das hätte niemand geglaubt, dass der Junge sich umbringt. Und mit Sicherheit liegt es nicht an Ihrer Tochter, da gab es andere.“  Sie reden, ich hör nicht mehr hin, und irgendwann gehen sie. Meine Mutter geht auch.. zu den Eltern des Toten.. und entschuldigt sich für mich….einfach so…

Als sie wiederkommt stopft sie mich voll mit Valium –  sich auch, nebenbei bemerkt – und an bringt mein Vater uns im Dorf zu einer Ärztin, die eigentlich nur Privatpatienten hat, aber sie ist ja nicht so und setzt mir eine hoch dosierte Beruhigungsspritze…

Ein Traum.. ich träume… meine Mutter mit mir beim Klamottenkauf… und sie erzählt allen, dass ich meinen Freund in den Tod getrieben habe….

Es ist Dienstag… mir fehlt ein Tag.. ich weiß nix mehr. Ich liege im Bett. Meine Mutter kommt rein.. wie mir die Sachen gefallen.. Sachen?

„Wir waren doch gestern einkaufen“, weißt du nicht mehr?

Nein, weiß ich nicht mehr. Ach, ist plötzlich Geld da? Wir haben doch nichts, sagen sie immer.. darum arbeite ich ja auch, seit ich vierzehn bin, damit ich mir was zum Anziehen, die notwendigen Sachen für die Schule kaufen kann. Und abgeben muss ich auch, und nicht nur das, meine Mutter jammert mir auch vor, dass sie der Kleinsten nix zum Anziehen kaufen können.. Stimmt… sieht jedenfalls so aus.. erbärmlich…, also geb ich noch mehr Geld.

Und da war meine Mutter mit mir choppen????  „ Ich hab Dein Sparbuch genommen“, sagt sie. „Hast ja genug drauf, ich hab mir auch gleich was davon geholt.“

Hat sie. Das Sparbuch ist restlos leer. Ein paar hundert DM für eine eigene Wohnung.. weg.

Der Tag der Beerdigung kommt, ich habe das Verbot von den Eltern des Toten, dahin zu kommen, ich will auch gar nicht…

Wie im Mittelalter.. in der Kirche werde ich von dem Priester öffentlich verflucht…

Und dann geht sie los, die Menschenjagd in einem kleinen Dorf, mitten in Deutschland, die Jagd auf die Mörderin eines Jungen…

Ich muss mit dem Mofa zur Schule und zur Arbeit fahren, nein falsch, zur Schule möchte ich lieber mit dem Mofa fahren, ich will die Blicke dieser Menschen nicht sehen. Der Weg führt aus dem Kaff auf die Landstrasse, weiter an einem Wald vorbei, in dem ein Wildgehege ist in den Vorort der Stadt, und weiter. Auf der Landstrasse, da kommen sie, drängen mich ab von der Strasse, etliche Male, immer wieder, bis andere Autos vorbeifahren, ich erreiche den Vorort, da hab ich Ruhe.

Und eines Abends fahr ich zurück von der Arbeit; es ist Herbst, und um diese Zeit schon stockdunkel. Ich fahre durch die Stadt, durch den Vorort, die letzte Bushaltestelle, hell beleuchtet, taucht auf, und da steht eine Gestalt, nein sie bewegt sich auf die Strasse zu, sie will mit mir sprechen, das fühl ich, aber ich bin wie paralysiert, ich fahre und fahre.. an der Person vorbei, und im Vorbeifahren erkenne ich meinen toten Freund, und in diesem Moment schreit eine Stimme: pass auf!!!!!!

Vor mir sind die Serpentinen der Landstrasse, still ist es…und es reißt mich herum, ich biege vorher ab auf den Waldweg, und fahre hinein, in den Wald, mit einer Todesangst im Herzen, Angst vor dem Wald, wo mir doch im Wald schlimmes passiert war, meine Haare sträuben sich vor Angst, ich will umdrehen, aber irgendetwas drängt mich vorwärts, weiter hinein in die Dunkelheit, ich stelle den Motor ab, ich fahre per pedes…und da sehe ich sie.. Autos, viele Autos auf der Landstrasse, und viele junge Leute aus meinem Dorf, die dort standen, und auf mich warteten..sie warteten, das war eindeutig..

Ich schleich mich durch den Wald, mitten durch, in Richtung einer anderen Strasse, die einen weiteren Umweg bedeutete, ich schau mich nicht um… wenn ich sie nicht sehen kann, können sie mich auch nicht sehen.., ich erreiche die andere Strasse, starte den Motor und fahre los… nicht nach hinten schauen, nicht nach hinten schauen…die Strasse ist endlos gerade und unendlich lang.. man kann hier alles sehen.. vorbei an einem Wald..dunkel.. bedrohlich.. die Angst hat mich erstarren lassen, ich reagier nur noch..endlich das Dorf..die letzten Meter.. ich hab es geschafft, stelle das Mofa in die Garage und laufe ins Haus… nicht passiert, alles ist ruhig.. Ich verkriech mich im Bett…

Der Wecker klingelt, ich muss zur Schule.. ich wasch mich, ich krieg keinen Bissen runter, ich starre nach draußen.. alles ist ruhig…ich zieh mich an, und gehe raus, starte den Motor und fahre los, und fahre, und fahre die lange Strecke, egal, wie lang, nur weg von der anderen Landstrasse… dreh dich nicht um, wenn du sie nicht siehst, dann sehen sie dich auch nicht..

Ja, wirklich, sie haben mich nicht gesehen, ich komm in der Schule an!

Wie ein Film, ich bin in einem Film, wo ich nicht hingehöre, ich bin gar nicht da.. alles ist so weit weg.. Schulschluss.. der Weg.. ich will noch nicht fahren, ich bleibe bei ein paar Leuten aus meiner Klasse. Eine Flasche Korn kreist, ich hab noch nie Korn getrunken, aber ich trinke.. einen Schluck..noch einen…und dann krieg ich einen Weinkrampf, ich schrei mir die Angst aus der Seele, ich drehe ab. Sie bringen mich zur Klassenlehrerin, ich erzähle, meine Zähne klappern, ich friere und der Schweiß steht mir auf der Stirn, die Lehrerin lässt mich von einem Mitschüler begleiten. Zu zweit ist die Angst weg.

Mein Begleiter bringt mich ins Haus, wir sitzen im Wohnzimmer, meine Mutter kommt rein: „ Was ist denn los?“ fragt sie. „Geh raus,“ schrei ich sie an, „ interessiert dich doch eh nicht!“ Sie geht und macht die Tür zu. Mein Mitschüler ist sprachlos.

Die Polizei wird eingeschaltet.. von meiner Lehrerin… ich kriege Polizeischutz.. meine Eltern interessiert es nicht.

Selbst Jahre später, wo ich bereits weit weg in einer anderen Stadt studierte, selbst da erhielt ich noch Drohanrufe, bis ich mir eine Geheimnummer zulegte. Da wurde meine kleine Schwester ausgefragt, wo ich wohne. Meine Eltern haben sie nicht gestoppt.

Und dann, ungefähr 10 Jahre später, da ruft mich meine Mutter an, und teilt mir mit, dass sich eine Woche zuvor in dem Haus, wo sich mein Freund aufgehängt hatte, an genau der gleichen Stelle, ein Mann aufgehängt hatte. Ein Familienvater, ein Mensch, den ich nie gekannt hatte. Und meine Mutter sagt mir, im Dorf wird erzählt, dass ich eine Hexe bin, dass ich das Haus verhext habe.. „Was soll ich ihnen sagen? Hast du es getan??“Oh Mutter, du weißt gar nicht, wie gerne ich damals eine Hexe gewesen wäre, eine Hexe, die dir alles Schlechte dieser Welt anhext…„ Du bist doch nicht schuld, oder?“ 

Oh, nein, Mutter, ich habe keine Schuld, mit Sicherheit nicht. Hätte er mich sonst gewarnt, der Tote?

Ich habe mich jahrelang gewehrt, mich daran zu erinnern. Es durfte nicht sein, was nicht erklärbar war. Es war nie etwas passiert..

Aber jetzt weiß ich, es ist zu oft passiert.. diese Stimme.. Aber nicht der Tote kommt zu mir, es ist das Kind, das in mir schreit, das viel früher als ich weiß, was passiert. Aber ich habe die Kraft, ich habe sie geschenkt bekommen, die Kraft um Dinge zu schaffen, die unschaffbar scheinen und ich weiß, diese Kraft zu schätzen, ich lebe in ihr und mit ihr und durch sie schaffe ich es, diesen Krebs so leicht zu erleben…

Ich schreibe weiter

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