Die Angst vor dem Sterben

Oktober 29, 2007

Werden wir mal ein bisschen provokant… das kann hier doch nicht alles so friedlich ablaufen.. es wäre langweilig..

 

Ich stelle hier die Behauptung auf, dass die meisten Menschen in einer völlig irrigen Annahme leben… weil sie leben. Ich behaupte, dass die Aussage:

 

„Ich habe nicht Angst vor dem Tod, sondern Angst vor dem Sterben.“

 

falsch ist.

 

So, und jetzt sollte ich den Beweis antreten, warum ich diese Behauptung aufstelle….

 

Unterscheiden wir einmal 2 grundsätzliche Arten die zum Tode führen:

  1. der gewaltsame Tod, von Menschen in irgendeiner Weise herbeigeführt. Dort lasse ich es bedingt gelten… die Angst vor dem Sterben… obwohl.. wo fängt es an, das Sterben, und wo hört das Leiden auf? Denke ich an die Zeit, in der die Menschen verbrannt, gevierteilt, ertränkt, gehenkt oder auf sonstige bestialische Art ermordet wurden.. ( na ja, so zu Ende ist diese Zeit noch nicht… es findet immer noch statt, nur nicht mehr so selbstverständlich, nicht mehr so offiziell…), in dieser Zeit hatte, und unter diesen Umständen hat die Aussage : Angst vor dem Sterben bestimmt seine Berechtigung, denn diese Hinrichtungen waren von einer Monstrosität sondergleichen… und sind es noch.

Da muss den Verurteilten der Tod wie eine Erlösung vorkommen…

  1. Der Tod , wenn unser Körper – wie sagt man so schön? – seinen Geist aufgibt, weil er es nicht mehr schafft, uns im Hier zu halten. Ist es wirklich so, dass wir solche Angst vor den Schmerzen haben? Ist es nicht eher die Angst, dass danach nichts mehr ist? Dass wir danach einfach nicht mehr sind… weg… vorbei… Wie oft haben wir schon Schmerzen erlebt und uns danach gesagt, das wollen wir nie mehr erleben? Seien wir ehrlich, wir können uns an den Vorfall erinnern, aber den Schmerz, den können wir nicht mehr empfinden, und das ist auch gut so. Ich denke, dass dies ein natürlicher Schutz ist, damit mir mit allen diesen Erinnerungen nicht in den Wahnsinn abdriften, denn Schmerz ist nichts, was mit dem üblichen Leben zu tun hat. Aber haben wir deshalb wirklich Angst vor dem Leben? Haben wir Angst, dass wir Schmerzen erleiden müssen, obwohl uns doch klar ist, dass wir Schmerzen fühlen werden, in irgendeiner Form, irgendwann… mit Sicherheit…Sagen wir da, dass wir Angst vor dem Leben haben? Weil es Schmerzen mit sich bringt? Nein… nein, weil wir wissen, dass das Leben weitergehen wird, dass wir leben werden!!! Lassen wir die Fälle außer Acht, in denen die Menschen unter dauernden Schmerzen leiden müssen, diejenigen, die sich mit einem Leben in Schmerzen arrangieren müssen.. obwohl… sogar damit kann man leben, wenn man bereit ist, Abstriche an das eigene Wohlbefinden zu machen. Die Medizin macht es möglich, es ist nicht ab zu streiten, dass es in der heutigen Zeit möglich ist, relativ schmerzfrei zu leben.

Wir haben keine Angst vor dem Leben.

 

Die Angst vor dem Sterben.. ich sage euch, es ist nicht die Angst vor dem Sterben, es ist die Angst vor diesem einmaligen Schmerz, der uns tötet, der unsere Existenz auslöscht – nach diesem Schmerz wird nichts mehr kommen, keine Möglichkeit der Erholung, keine Genesung… nichts…. aus…

 

Dreimal habe ich es erlebt. Dreimal lag ich schon im Sterben… abgesehen von dem Krebs, den ich jetzt in mir habe. Bei ihm war es noch nicht soweit… noch lange nicht soweit. Dreimal, auf drei verschiedene Arten kam der Tod zu mir – nein, es war nicht schön – aber wenn ich ehrlich bin, es war auch nicht schlimm, ganz und gar nicht.

Ich glaube nicht, dass mein Körper in dieser Beziehung einzigartig ist, ich glaube, es ist die, wie soll ich sagen… die Gnade der Natur, die einfach nicht zulässt, das man bewusst das Ende fühlt. Es war bei mir, als würde mein Körper mich betäuben, als ob er Unmengen von Morphium durch meinen Körper fließen lies – ich weiß, wie Morphium wirkt, ich habe es bereits bekommen – obwohl ich starke Schmerzen hatte.. sie waren weg – wie weggeblasen – ich spürte meinen Körper nicht mehr.. ich ahnte die Schmerzen, die sich wie ein dunkler Druck in mein Bewusstsein eingenistet hatten, aber ich litt nicht mehr. Ich glitt dahin, und es war ruhig und friedlich.. so friedlich, dass ich ohne fremdes Eingreifen wohl einfach gegangen wäre. Ich hatte keine Angst.

Hätte man mir zu diesem Zeitpunkt gesagt, dass ich sterben müsse, ja dann, dann, nehme ich an, dann wäre die Panik gekommen.. oder nicht?… das kann ich nicht sagen, das weiß ich nicht…

Ich weiß, dass nach der Rettung, dass nach dem Eingriff von Menschen, die mir das Leben retteten, ein unglaubliches Glücksgefühl in mir war, ein wahrer Rausch, als ob das ausgeschüttete Morphium sich gewandelt hätte in eine Art Freudentrank, dass die Freude so groß war, dass es nichts, aber auch gar nichts gab, was mich von dieser Hochstimmung abgebracht hätte.. wen wundert es…

 

Ich glaube fest daran, dass wenn wir Menschen vor die Wahl gestellt werden würden, unerträgliche Schmerzen für eine Zeit ertragen zu müssen, aber dafür am Leben bleiben zu können, oder aber schmerzfrei sterben zu dürfen…. Wir würden uns für die Schmerzen entscheiden, weil wir leben wollen…

Wir haben keine Angst vor dem Sterben – wir glauben, dass diese Schmerzen einfach entsetzlich sein müssen, denn nach diesen Schmerzen kommt nichts mehr. Es sind nicht die Schmerzen, es ist das Ergebnis… der Tod… und wüssten wir, was nach diesem Leben kommt, wüssten wir, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, wüssten wir, wie es aussieht, dürften wir noch Kontakt zu unseren Lieben haben, zu all dem Vertrauten… ich bin mir sicher, niemand würde mehr sagen : Ich habe Angst vor dem Sterben.

Es ist nicht die Angst vor dem Sterben, es ist die Angst vor dem Tod.

5 Antworten zu “Die Angst vor dem Sterben”

  1. hispace said

    wie immer ist es wieder einmal hoch interessant und sehr lehrreich was du schreibst.ich bin deiner meinung, obwohl ich noch keine eigene erfahrung gemacht habe, nur denke ich, dass man sich den tod auch erschweren kann, indem man einfach nicht loslässt…ich hatte bei meinem vater den eindruck..er wirkte so wahnsinnig angespannt, wie wenn er sich unglaublich wehren würde.das hört man ja auch bei vielen menschen, die ihre nächsten am bett haben und erst genau dann sterben, wenn die kurz mal eine rauchen oder was essen gehen.du kannst dich sicher noch an die geburt deines sohnes erinnern, ich glaube auch da, kann man sich unglaublich sperren und es sich erschweren.ist der tod wirklich so anders als eine geburt?

  2. Astrid said

    Liebe 1leben,
    dein letzter Satz – der entscheidende und wichtigste – das ist zumindest meine Meinung. Denn genau die Angst vor dem Tod, vor dem nicht wissen was danach kommt, veranlasst viele Menschen sich u.a. von Krebspatienten abzuwenden. Denn sie werden durch diese Menschen mit Krebs an das unvermeidliche erinnert, daran dass Geburt, Leben, Tod eine Einheit bilden.

  3. 1leben said

    Wird wohl so sein, dass man mit einem Thema konfrontiert wird, über das keiner reden kann, weil niemand etwas darüber weiß. Es ist nur so unendlich schwer, dieses Dilemma zu lösen, da es eher unwahrscheinlich ist, dass dieses Problem gelöst werden kann, solange die Toten nicht zurückkehren und berichten können.

  4. 1leben said

    Wird wohl so sein, dass man mit einem Thema konfrontiert wird, über das keiner reden kann, weil niemand etwas darüber weiß. Es ist nur so unendlich schwer, für dieses Dilemma eine Lössssung zu finden, da es eher unwahrscheinlich ist, dass dieses Problem gelöst werden kann, solange die Toten nicht zurückkehren und berichten können.

  5. Andreas said

    Ich denke, dass dass der Artikel nicht unbedingt die einzige Wahrheit widergeben muss. Das ganze hängt davon ab wie man am Leben hängt und ob man es gegen Nicht-Leben eintauschen möchte. Das Sterben ist nur ein Übergang, ein Zustandswechsel. Kein Zustand. Leben und Nicht-Leben (was immer man auch als Nicht-Leben bezeichnet, darunter fiele auch Leben in einer anderen Dimension) dagegen sind Zustände. Und jetzt kommt die wichtige Frage nämlich ob man Angst vor dem Zustand „Nicht-Leben“ oder Angst vor dem Zustandsübergang ins Nicht-Leben hat. Nicht-Leben ist mit Sicherheit nicht Schmerzhaft. Davon kann man schon mal ausgehen. Sterben kann es u.Ust. schon sein, daher würde ich dem Autor absolut widersprechen: Viele Menschen haben Angst vor dem Sterben weil es als schmerzhaft gilt. Angst vor dem Nicht-Leben, oder wie andere sagen „Tod“ haben die wenigsten. Insbesondere aber nur die, die sich von diesem Leben nicht trennen können. Verhaftet sind. Na ja, da kann ich nur sagen, dann sollten diese Menschen fleissig üben, denn irgendwann steht jeder vor einem Zustandswechsel.
    Andreas

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