Wie lebt man mit Krebs?

November 4, 2007

Heute möchte ich einmal ein Thema ansprechen, was mir seid meiner Erkrankung in wahrsten Sinne des Wortes schwer im Magen liegt .Es geht schlicht und einfach darum, wie die Erkrankten mit ihrer Krankheit umgehen… oder glauben, umgehen zu müssen…

Zu Beginn machte ich die Erfahrungen erst einmal im kleinen Bereich… Familie, Mitpatienten, Ärzte, Pfleger… alles, was in der ersten Zeit mit dieser Diagnose konfrontiert wird, was diese Krankheit als Außenstehender verarbeiten muss.

Meine Angehörigen, muss ich sagen, haben sich in dieser Zeit mehr als nur bravourös verhalten. Wir haben nicht gejammert, wir haben versucht, das Beste daraus zu machen, der ganzen Sache noch eine positive Seite abzugewinnen. Zugegeben, es ist nicht einfach… wirklich nicht, zumal der Druck von außen extrem stark ist. Das Mitleid überschwemmt das Geschehen und droht, alle in diesem Meer ertrinken zu lassen… Der alternative Tod zum Krebs.. würde ich mal sagen…

Meine Freundin sah das ganze… na ja.. realistisch.. ich weiß nicht… aber sie sagte: „Du hast eine einzigartige Art, mit dieser Krankheit umzugehen. Ich denke, du wirst die erste sein, die mit einem unheilbaren Krebs als geheilt entlassen wirst.“

Ich muss sagen, mich hat das aufgebaut. Und das hatte ich zu dieser Zeit auch mehr als nötig, denn alle anderen – das Pflegepersonal, die Sozialarbeiter, sogar der Pfarrer, der mir geschickt wurde – sie alle ignorierten die Tatsache, dass es mir seelisch einfach gut ging, dass ich guter Dinge war, sie malten die Krankheit in düsteren Farben, zeigten mir die Möglichkeit auf, dass es schneller zu Ende sein könnte, als ich denke…. Es hat Kraft gekostet, dagegen anzugehen…Viel Kraft… Ich habe es gemerkt, als ich das erste Mal nach Hause durfte, nach 6 endlosen Wochen, in denen ich bedingungslos ans Bett gefesselt war, wo ich nicht aufstehen durfte, nachher nicht aufstehen konnte… die ständig ausgesprochene Bedrohung, litaneienhaft wiederholt von morgens bis abends.

Als ich nach Hause kam – ich erinnere mich daran, wie es war, nach langer Zeit nach draußen zu kommen.. die frische Luft… es war kalt, es regnete, aber für mich war es ein wundervoller Tag – als ich die vier Stufen zu unserem Zuhause geschafft hatte, wo mein Sohn mich erwartete, da wo ich mich erholen konnte von den Todesdrohungen… da habe ich sie mir wiedergeholt, die Kraft, habe sie geschöpft aus der Liebe, die ich erleben durfte und bin daran so gewaltig erstarkt, dass ich mich zwingen musste, wieder ins Krankenhaus zu gehen, um die erste Chemo- zu bekommen. Das Personal war – nicht übertrieben – völlig erstaunt, wie sehr ich mich in dieser kurzen Zeit, es waren ja gerade 2 Tage gewesen, erholt hatte, wie gut ich plötzlich gehen konnte, wie gesund ich aussah. Ich lebte… und wie ich lebte… ich glaube kaum, dass in einem Zimmer einer onkologischen Station so viel gelacht wurde, wie in diesen Tagen. Und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, es kam von mir, dieser Optimismus, den ich da verbreitete, er übertrug sich nahtlos auf alle, die mit mir zu tun hatten. Es war der Mittwoch vor Heilig Abend, und in diesem Zimmer, da verbreitete sich die Wärme und die Vorfreude auf diesen einen Abend so stark, dass die beiden anderen Patientinnen so gute Blutwerte bekamen, dass auch sie vor Weihnachten nach Hause entlassen werden konnten.

Das war der kleine Bereich.

Das Internet ist etwas wunderbares… noch niemals zuvor war es möglich, Kontakte auf diese Art und Weise zu schaffen, niemals zuvor konnte man sich Informationen in dieser Menge, in diesem Umfang holen. Ich setzte mich vor den Computer, und fing an, herumzuschnüffeln… Informationen über Brustkrebs… klar, war nahe liegend… klickte hier und da hinein, und latschte, ohne es zu wollen in einen Brustkrebschat…..hm….watt nu??? Eine Person war dort und sprach mich an: „Bist du neu?“… Klar, bin ich… was mache ich eigentlich hier? Höfliches Blabla… mehr kam bei mir nicht raus.. ich war mir nicht sicher, ob es gut war… vielleicht so eine Art Selbsthilfegruppe, wo jeder dem anderen etwas vorjammern musste? Das war nix für mich. Also beließ ich es erstmal dabei und stöberte weiter herum in diesem Internet, unerschöpflicher Fundus für alles, was man wissen wollte, wichtiges, unwichtiges…ich wurde fündig, ein Brustkrebsforum.. ich las.. auweia… Jetzt wurde mir zum ersten Mal klar, wie krank ich war! – War ich?… War ich… Aber das wusste ich doch schon vorher.. also…

Aber es gab da soviel Elend, so viele , die erkrankt waren, und mit ihrer Krankheit nicht klar kamen. Nicht nur mit ihrer Krankheit, sondern anscheinend auch mit den Begleitumständen, sprich mit den Medikamenten und ihren Nebenwirkungen, mit der Reaktion der Mitmenschen, mit Schmerzen, die wohl eher nichts mit der Krankheit zu tun hatten, von denen sie es aber annahmen. Auweia….

Geläutert ging ich in den Chat… nächster Versuch – hervorragend, muss ich sagen, lauter nette Menschen, mitfühlend, aber kein überflüssiges Mitleid, verständnisvoll – klar, sie hatten es ja alle – freundlich . Das machte Spaß, da wollte ich wieder hin.. andere Tageszeit, andere Chatterinnen… ich latschte von einem Fettnapf in den nächsten, wurde ignoriert.. es gab mich eigentlich gar nicht. Mist… Ich wurde sauer… nächster Versuch.. ging auch den Bach runter.. müder Gruß.. hallo…. Deutliche Zeichen, dass ich überflüssig war.. Ich hatte die Schnauze voll.

Ich weiß nicht, welcher Teufel mich ritt, aber nach Wochen versuchte ich es nochmals… Ja hallo, da waren sie, die, mit denen ich das erste mal gelacht und gechattet hatte, und es war schön… und ich merkte, dass ich willkommen war, bei diesen Frauen, die alle erlebt hatten und erlebten, was ich erlebte. Nicht genauso… natürlich nicht, aber jede auf ihre Weise, in ihrer Art. Und irgendwie fühlte ich mich plötzlich wie in einer großen Familie. Dieses Gefühl hält bis heute an, nein, falsch, es hat sich in Teilen noch intensiviert und hat mir die Möglichkeit gegeben, zu erkennen, wie unterschiedlich Menschen mit ihren Erkrankungen umgehen.

Es gibt die Menschen, die versuchen, wieder ins so genannte normale Leben zurück zu finden, die begriffen haben, dass es wichtigeres gibt als ihren Status in der Gesellschaft zu halten, die begriffen haben, dass man das Leben genießen sollte, weil sie es nur einmal haben. Die nur zusammenzucken, wenn wieder diese Untersuchungen kommen, die notwendig sind, um zu verhindern, dass sich wieder ein Krebs bei ihnen einnistet, auf die man aber so gerne verzichten würde, wenn es ginge.

Und dann gibt es diejenigen, die den Krebs überstanden haben, im Prinzip aber so weiterleben, wie vorher – also nicht daraus gelernt haben.

Dann gibt es Menschen, die seid Jahren um ihr Leben kämpfen, die dankbar sind, wenn der Krebs gestoppt werden kann, wenn nicht neues dazu kommt, die das Leben hier und jetzt genießen, oder stillschweigend leiden, weil sie der Umgebung nicht zumuten wollen, dauernd etwas über ihre Erkrankung zu hören. Die tapferen Menschen, denen ich von ganzem Herzen wünsche, dass sie Menschen um sich haben, die zu ihnen stehen, in guten wie in schlechten Zeiten.

Und da ist noch eine Gruppe… Menschen, bei denen ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass sie mit dieser Diagnose förmlich aufblühen. Endlich sind sie wichtig, endlich sind sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Aumann…Da ist die Medizin so weit, dass Krebs nicht mehr zwingend tödlich sein muss… und da stellen sich diese Menschen hin und jammern, sie hätten Angst vor den Nebenwirkungen…. Ja, Leute, ihr müsst doch nicht!!! Niemand zwingt euch, diese Therapien mit zu machen. Sooo schlimm kann eure Erkrankung nicht sein, wenn ihr euch solche Gedanken um die Medikamente macht! Lasst es doch einfach sein…niemand zwingt euch! Und fragt nicht immer nach, wenn euch irgendetwas zwickt oder zwackt, was es sein könnte. Sagt, wenn euch etwas weh tut… meinetwegen… aber geht zum Arzt damit, Himmel noch mal! Nur er kann etwas diagnostizieren, nicht andere Krebserkrankte!!!

Ich bin im Krankenhaus… ambulant wird die Chemo- bei mir gemacht, ich bin mit 5 Leuten in einem Raum…Ein Mann, so Mitte 40 jammert… die Nebenwirkungen.. oh Gott… und was man nicht alles schlucken muss!!! Ihm ist den ganzen Tag schlecht, weil er dauernd daran denken muss, weil er alles liest… Aber seine Frau.. ha!!!.. das ist ein Vorteil, seit er diese Krankheit hat!!!.. sie tut alles, was er will, sie kocht ihm alles, was er will, und wenn sie meckert, dann erzählt er ihr schon, dass sie glücklich sein darf, gesund zu sein, nicht diese Medikament einnehmen zu müssen….

Da platzt mir der Kragen. Wütend sehe ich ihn an: „Was wollen Sie eigentlich? Wieso haben Sie solche Angst vor den Medikamenten? Ist Ihre Krankheit nicht so schlimm? Sie müssen sie nicht nehmen. Gehen Sie doch nach Hause zum Sterben!! Und Ihre Frau.. es würde mich nicht wundern, wenn sie eines Tages aufsteht und geht. Das hält doch niemand aus!!!“

Drei Erkrankte nicken mir zustimmend zu. Eine weitere Frau murmelt noch etwas von… das Recht, zu jammern.. schließlich ist es ja eine schwere Erkrankung.. müssen alle Verständnis haben… Aber komisch.. selbst in diesem Raum hat kaum einer dafür Verständnis, dass Außenstehende darunter so extrem leiden sollen…

Der grobe Fehler, der sich hier eingeschlichen hat, ist die Tatsache, dass Krebskranke in ihrem Verhalten anscheinend über einen Kamm geschoren werden. Schwere Krankheit führt zwingend heftiges Leiden mit sich. Fügt man sich nicht ein in dieses Schema ist man suspekt… das kann was nicht stimmen… Also, jammern… ist ja auch leicht… und Mitleid ist ja was Feines.. da kann man auch mal über die Stränge schlagen und jammern, wenn man was erreichen will… Aufmerksamkeit ums Verrecken… man kann sich da richtig reinsteigern… und wundert sich, wenn man am Ende alleine da steht, weil es der Partner einfach nicht mehr aushält, diesen gnadenlosen Psychoterror…

Verstehen wir das nicht falsch, nicht jeder Erkrankte, der allein gelassen wird, hat zuviel gejammert, nicht jeder Angehörige, der geht, konnte es nicht mehr aushalten, aber gerade bei dieser Krankheit erlebe ich es zu oft, dass Jammern und Klagen zum Alltag gehört, dass der Erkrankte von alleine völlig ausschließt, dass es ihm gut gehen könnte. Das zerfrisst .. das zerreist jede Bande, so eng sie auch sein mag, am Ende geht der Partner vor die Hunde.

Das ist aber nicht der Sinn der Sache.

Lassen wir doch einmal das Jammern, wenn es nichts zu jammern gibt. Genießen wir doch, wenn es uns gut geht. Zusammen mit unserem Partner, mit unseren Freunden. Geben wir ihnen doch einmal die Möglichkeit, zu erkennen, dass ein Krebserkrankter nicht ab der Diagnose vor sich hin stirbt. Es gibt mittlerweile genug Menschen, die die Krankheit seit Jahrzehnten überlebt haben und noch immer leben. Daran sollten wir uns ausrichten. Dann haben auch diejenigen, die wirklich so schwer erkrankt sind, so dass sie keine Chance mehr haben, weiter zu leben, dann haben diese Menschen wahrscheinlich mehr Verständnis und Mitgefühl zu erwarten, einfach, weil diese armen Menschen wirklich diesen Anspruch darauf haben.

Eine Antwort zu “Wie lebt man mit Krebs?”

  1. Polo said

    Halli hallo,

    sehr guter Artikel Einstellung! Bei mir wurde von ca. 4 Wochen ein unheilbarer Hirntumor diagnostiziert. Nach der OP habe ich mich rasch erholt und konnte das Spital bereits nach 7 Tagen wieder verlassen. Seit ich zu Hause bin geht es mir körperlich wie auch seelisch ausgezeichnet. Jeden Tag erlebe ich in einer vorher nie dagewesenen Intensität und Qualität.
    Einige meiner Bekannten können das nicht ganz nachvollziehen. Ich fühle mich jedenfalls gut und das ist was zählt.

    Lieben Gruss
    Polo

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