Ein voller Sack

November 29, 2007

Hallo, ich grüsse dich… nicht herzlich, sondern voller Antipathie, voller Aversionen gegen dich Dreckstück.. erinnerst du dich an mich? Ich bin diejenige, der du das Leben nehmen wolltest, ich bin diejenige, die du so hast leiden lassen, der du an die Substanz gegangen bist, die du zerfressen hast wie ein hungriges Raubtier. Aber du hast dir deine Zähne an mir ausgebissen und hängst da jetzt rum, unfähig, mich leiden zu lassen, unfähig, mich zu beißen… ohja, ich weiß, deine Zähne werden wieder wachsen, werden wieder zuschlagen wollen.. aber du hast es noch  nicht geschafft, du bist gestoppt, mein Feind. Du konntest mich nicht töten, so wie du es geplant hattest. Ich grüsse dich, mein Krebs, so bist du mir viel lieber, so klein und schwachbrüstig… na, haben wir dich vergiftet? Gib es zu, ich bin besser als du. Und so langsam fange ich an, zu verstehen – zu verstehen, wie du passierst, wo deine Stärken sind, und, was viel wichtiger ist, wo deine Schwächen sind.. ohja… ich verstehe dich, mein teurer Feind, ich muss es ja auch, denn wir beiden werden zusammenbleiben, bis ans Ende meiner Tage, die auch für dich das Ende bedeuten werden, also, bis ans Ende unserer Tage.

 

Du bist erst einmal gestoppt, hörst du? Du, der du mich hättest kriegen können, als ich metastasenverseucht ins Krankenhaus eingeliefert wurde, aber, gib`s zu, so stark bist du doch nicht, was? Ich bin besser, die Medizin ist besser, du, mein Guter – hier und jetzt – du bist nichts.. gar nichts… ich werde dich beobachten.. ich lasse dich nicht mehr aus den Augen, ich werde alles machen, damit du nicht mehr stark werden kannst!

 

 

Und jetzt, jetzt möchte ich dich Wegschreiben, ich möchte dich Plattmachen, nicht bei mir, ich bin stabil, sondern bei einem Menschen, der mir sehr am Herzen liegt, bei einer Frau, die ich nicht mehr missen möchte in meinem Leben.

Eine liebe wunderbare Frau, die gesagt hat :

Ich habe das Gefühl, ich bin ein Sack, aus dem genommen wird… und er wird immer leerer.. und wenn mir die anderen nichts zurückgeben, dann wird diese Leere gefüllt – gefüllt mit Krebs…

 

Ein Sack, der seinen Inhalt ausleert… seine Liebe, sein Verständnis, sein Vertrauen, seine Hilfe.

Natürlich muss dann wieder etwas hinein… Gegenliebe, Verständnis, Vertrauen und Hilfe von den anderen. Wir sind doch alle keine Übermenschen, die geben und geben können. Wir geben aus unserer Kraft und unserem Willen heraus, aber alles hat seine Grenzen.

Sie hat gegeben, sie gibt  noch immer, aber sie ist müde, traurig und erschöpft.

Sie weiß genau, dass ich sie meine… sie muss es wissen.. und so möchte ich ihr mit diesem Abschnitt meine Liebe geben, mein Verständnis, mein Vertrauen und meine Hilfe, aus vollem Herzen, im Übermaß, so viel, dass er überläuft, der Sack, dass er so voll wird, dass der Krebs hinausläuft aus dem Vollen und nichts mehr anrichten kann.

Dich meine ich, ja dich… du hast so viel erlitten, so viel gemeistert, so viel gegeben und machst es noch immer. Du wirst es immer weiter machen und dich leeren, und ich werde dich füllen, überfüllen, weil du es verdient hast, weil du ein wunderbarer Mensch bist.

Auch wenn die Zeit für dich jetzt  nicht so rosig ist, auch wenn dir wieder die Angst im Nacken sitzt, gib nicht auf, bleibe stark, ich stehe hinter dir, ich bin für dich da.

 

Der Krebs, wie hat er uns erwischt? Er hat gelauert, er lauert immer im Hinterhalt und wartet darauf, dass wir schwach werden.. er ist der Fluch der Leidenden, die Pest derer, die geben und denen nicht gegeben  wurde. Die das geben, was man ihnen verweigert hatte in ihrem Leben, das was wir so verzweifelt suchen, gesucht haben, das was man braucht, um glücklich zu sein in diesem Leben.

Unser Leben.. was ist es denn schon? Ein winziger Augenblick … ein Augenzwinkern, ein Nichts  im Vergleich zur Schöpfung, im Vergleich zu dem was war und was kommen wird… Aber es ist unser Leben, unsere Existenz, unser Sein, hier und jetzt, und auch wir haben das Recht, glücklich zu sein, auch wir haben das Recht, geliebt zu werden, respektiert  zu werden, wie alle anderen auch.

Nichts und niemand hat das Recht, uns das zu nehmen!!

Und wenn man uns das Recht verweigert, so werden wir es uns jetzt nehmen!!

 

Wir können es schaffen, wir können den Krebs besiegen. Wir müssen nur damit aufhören, alles andere wichtiger zu finden als uns selbst! Nichts ist wichtiger als ein Leben, nichts ist bedeutender!

Du bist mir wichtig, und darum schreibe ich es hier, hier, wo jeder lesen kann …

8 Antworten zu “Ein voller Sack”

  1. hispace said

    Ich habe das Gefühl, ich bin ein Sack, aus dem genommen wird… und er wird immer leerer.. und wenn mir die anderen nichts zurückgeben, dann wird diese Leere gefüllt – gefüllt mit Krebs…

    unglaublich…treffender hätte es wohl kaum sagen können…viele die ich kenne, die krebs hatten…die hätte man genau so beschreiben können.
    Ich hatte mal ein ähnliches gefühl als ich 2 schachteln zigaretten rauchte….ich hatte da das gefühl, dass ich den rauch immer mehr hinunter gezogen habe um meine leere mit irgend etwas zu füllen und da kam dann wirklich die angst, ich könnte sie vielleicht am schluss mit krebs füllen. muss eine tolle frau sein, schade kenne ich sie nicht…ich wünsche mir, dass sie es schafft und lernt sich besser abzugrenzen.
    für dich liebe karin, bin ich unheimlich froh…es gibt viele wege nach rom…du scheinst wirklich eine gute route gefunden zu haben;-). lg hispace

  2. 1leben said

    Ich hab was gefunden, in dem unerschöpflichen Fundus der hier schreibenden, und das möchte ich gerne hier einflechten, einfach, weile meiner Art sehr nahe kommt.
    Herzlichen Dank an den Schreiber
    http://zentao.wordpress.com/2007/12/01/gedanken-uber-einen-spirituellen-weg/

  3. zentao said

    Guten Abend 1leben
    Danke Dir für Deine Mail.
    Dies ist ein wunder schöner und eigentlich auch ein trauriger Text. Es stimmt alles, bis auf eines, der Feind ist nicht der Krebs, sondern unser Denken, unser Eco, wir tun uns so oft leid und wenn wir Schmerzen haben, fällt es uns verdammt schwer positiv zu Denken. Der Krebs kann nur wachsen, wenn er Nahrung bekommt. Ich habe einen Text geschrieben, “ wir sind was wir Denken 1bis 3″ vieleicht helven Euch meine Gedanken.
    Mit freundlichem Gruss zentao

  4. 1leben said

    Vielen Dank für den netten Gruß, Zentao, ich werde lesen…

  5. neunpunktnull said

    wünsche dir ein schönes wheinachten!!!! und nen guten rutsch

    dave

  6. 1leben said

    Alles Gute für dich Dave – hoffentlich bringt dir das Neue Jahr nur Gutes – Du hast es verdient.
    Komm gut rein, ich hoffe, wir sehen uns wieder.
    Karin

  7. gertigeh said

    1leben, liebes. ich bin erschrocken. ernsthaft. wie redest du denn mit deinem ehemaligen krebs? der erste abschnitt hat mich wirklich betroffen gemacht. ich kenne das auch, seiner krankheit mit wut und vielen anderen gefühlen zu begegnen. ich weiß aber nun aus eigener erfahrung, dass die krankheiten nur wirklich losgelassen werden können und absolut und vollständig gehen, wenn man sie in liebe annehmen und wegschicken kann. ehlich, 1leben, liebes. ich war schon immer nah dran an diesem wissen der selbstheilung…solange man sich mit der krankheit identifiziert hat man kaum eine wirkliche chance…wut nährt sie noch. wut und groll ist ihr täglich brot und läßt sie gedeihen, bitte glaub mir das, das ist ganz wichtig zu wissen, damit fütterst du sie. erst wenn du dich qausi „neben deine krankheit“ stellst und dich/sie fragst was sie dir in deiner derzeitigen lebenssituation sagen/zeigen will, und wenn du das dann (meist blitzschnell) verstanden hast, dann kannst du sie…lieben und in liebe loslassen. du kannst milde ihr gegenüber, dem schmerzkörper gegenüber, walten lassen. dann wird sie sich dir niemals mehr zeigen. sie war ein teil von dir…ein aspekt. *tiefeinatme* – ich wünsche dir GLÜCK

  8. 1leben said

    na, du bist gut, wenn du von ehemaligem Krebs redest.. mein krebs ist nicht mehr heilbar, weißt, du, das heißt, ich werde mit ihm – sozusagen – zusammen alt.. oder auch nicht. ich bin nicht wirklich wütend auf den krebs, eher auf die unzulänglichkeiten meines körpers – sprich – auf mich. deinen wunsch nach glück nehm ich dankend an, ich werd es brauchen können 😉

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