So kam er zu mir, der Krebs

Juni 23, 2008

Es wäre nicht meine Geschichte, wenn ich es verleugnen würde, wenn ich vergessen würde, wie mir als erstes den Krebs in den Körper gepflanzt wurde. Nur eine kleine Episode ist es, ein kleiner Teil in meinem Leben – traurige neun Monate Leben.

Einmal im Jahr – nein, jedes Jahr, da kommt sie hoch, die Erinnerung an ein kleines Wesen, mit dem ich zusammen war, mit dem ich gespielt habe … gespielt, ja ich habe damals gespielt – und ich habe damals verloren, ein hoher Verlust, der mich zerrissen hat, bis tief ins innerste. Von da an hat nichts mehr wirklich weh getan.

Warum habe ich es getan? Warum habe ich diese Kind ausgetragen? Weil ich dickköpfig war? Weil ich das Leben in mir spüren wollte? Weil mir die Ärzte damals sagten, ich könne nicht schwanger werden? Weil der Vater dagegen war? Es war wohl alles zusammen, das mich gezwungen hat, durch diese Hölle zu gehen , ja durch diese Hölle, denn wenn es eine Hölle gibt, dann habe ich sie durchlebt – damals – und jedes Jahr wieder und wieder.
Im 6. Monat, da bin ich zu einem Frauenarzt gegangen – nicht zu meinem, nein, es sollte jemand sein, den ich nie wieder sehen würde, weil ich ahnte, dass es grausam werden würde. Ein Mädchen wird es wohl , sagte er – oder ein ziemlich schlauer Junge, weil man das Geschlecht nicht erkennen kann, aber eher ein Mädchen…

Es war eine herbe haltlose Zeit – ich war aus Norwegen wieder gekommen – hatte dort gearbeitet, weil mir mein Internist, als er die Colitis Ulcerosa diagnostizierte, sagte, sie wäre so extrem weit fort geschritten, mehr als ein Jahr gäbe er mir nicht mehr.. soweit zu den Prognosen… Ich warf mein Studium fort und lief weg.
Und jetzt war ich wieder in Deutschland – schwanger – mit der Darmentzündung – aber, es war länger als ein Jahr seit der Diagnose – und ich lebte.
Da saß ich nun, kaum Geld zum Leben – es gab Tage, da hatte ich nichts zu essen – aber ich hatte mein Kind, mein Mädchen, und ich spielte mit ihm, ich sang ihm Lieder vor, erzählte ihm von der schönen Welt, die es sehen würde….Und mein Kind lachte und drehte sich in meinem Bauch, lies sich die Füsschen kitzeln, strampelte munter herum und kuschelte sich im Schlaf glücklich an mich. Ich möchte schreien, wenn ich daran denke, noch immer tut es so weh, weil es war so unglaublich schön war…

Viel zu spät setzten die Wehen ein , tagelang muss ich jeden Tag ins Krankenhaus zur Kontrolle….heftig und ungleichmäßig. Ich fuhr mit einem Taxi zum Krankenhaus – alleine – nur mit meinem Kind im Bauch fuhr ich los – und die Wehen kamen, und mein Darm fing an, dumpf zu drohen…

Das Fruchtwasser spritzt heraus, ich werde in den Kreißsaal gefahren, ich alleine… die Wehen setzten ein … setzten aus…. ein.. aus.. ein.. aus. Nach 12 Stunden ging nichts mehr, gar nichts mehr. Sie drehten ein Laken und preßten über meinen Leib, sie preßten das Kind nach unten, zum Ausgang – mein Kreislauf brach zusammen, mein Darm riß, Ärzte kamen herbeigelaufen. Ich kann vor Erschöpfung nicht mehr schreien …nichts ging mehr.. plötzlich war alles dunkel….und ich war so entsetzlich alleine.

Sie haben mich dann auf eine gynäkologische Abteilung verlegt, damit ich keine Mütter mit anderen Kindern sehen mußte. Dort lag ich eine Woche. Eine Woche, in der ich mich vor Krämpfen krümmte, weil mein Darm entsetzlich schmerzte , eine Woche, in der ich jegliche Nahrung verweigerte. Ich verweigerte auch jede Behandlung, ich wollte nicht mehr leben. Ich wollte wirklich nicht mehr leben…es gab keinen Grund zu leben – ich war so alleine….warum, warum nur war ich so stark?

Zu Hause mühe ich mich die Treppen hoch, öffne die Tür und schleiche in die Wohnung… sie ist so leer…so grausam leer und still. Ich kann die Tränen nicht stoppen, es geht nicht, sie laufen und laufen , der Schmerz schießt mir in den Leib. Endlose Tage sitze ich weinend auf einem Stuhl, endlos früh am morgen reißt es mich aus dem Bett vor Schmerzen, und ich ziehe mich an und laufe durch die kalte, dunkle Gegend und hoffe nur auf Linderung, auf Erlösung von dem leiden.. Nichts kann mich schrecken, jedermann ist willkommen, wenn er mich nur vom Leiden erlöst.
Aber es kommt niemand – ich bin vollkommen alleine…

Ich weiß nicht mehr, wann ich wieder ins Krankenhaus ging, das die Schmerzen nicht mehr kontrollierbar waren – ich habe keine Ahnung mehr von der Operation, von den Menschen dort. Ich weiß nicht, wie sie sich mir gegenüber verhalten haben. Einfühlsam, denke ich mal – mit Sicherheit freundlich – ich weiss, das der Arzt davon sprach, dass erste bösartige Veränderungen in meinem Darm gefunden wurden – noch rechtzeitig, wie er sagt – ich brauche keine Chemo. Das berührt mich alles gar nicht , das nehme ich so hin – rechtzeitig – schade eigentlich…

Eine Krankenschwester gibt mir zum Abschied noch einen Rest des starken Schmerzmittels mit – ich nehme an, dass es Morphium war, denn als das Fläschchen leer ist bekomme ich entsetzliche Entzugserscheinungen. Tagelang sitze ich da und zittere, der kalte Schweiss läuft mir übers Gesicht. Aber es berührt mich nicht wirklich .Ich habe mein Kind verloren.
Am 05. März 1991 habe ich mein Kind verloren.

Einen kleinen Jungen habe ich verloren… Vielleicht bin ich ja deshalb noch nicht durchgedreht, weil es ein Junge war… weil ich mich ja um ein Mädchen gekümmert hatte…
Mein Kind… mein kleines, wunderbares Kind

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