Da ist es, das Jahr 2009.

Ich habe lange nicht geschrieben – nicht etwa, weil es nichts zu schreiben gegeben hätte – oh, nein – ich konnte es einfach nicht. Ich habe das Gefühl, ich bin im freien Fall – mitten im Nirgendwo – umgeben von Riesenwolken aus Schmerzen und Albträumen, die mich einfach nicht mehr gehen lassen wollen.

Es war wohl nach der ersten Woche des Neuen Jahres – meine Vermieterin hatte mich angerufen und mich gebeten, sie zu den Stadtwerken zu begleiten. Dort war es das erste Mal, dass ich merkte, wie meine rechte Hüfte mal wieder muckte. Das hatte ich ja schon mal… so ganz zu Anfang… spät Nachmittags war ich dann noch einmal kurz bei den Nachbarn – auf dem Rückweg fiel mir auf, dass selbst ein bisschen Schnee mein Gehvermögen erheblich einschränkte – mit Mühe erreichte ich das Haus, schleppte mich ins Wohnzimmer auf die Couch – ein gellender Schmerz – und von da an ging nichts mehr – ich konnte nicht mehr gehen – ein Wahnsinnsschmerz durchzog meine Hüfte und mein Bein – aus… das war’s…

Traumal schluckte ich… literweise… den nächsten Tag dämmerte ich vor mich hin, immer in der Hoffnung, es würde besser werden. Einen Tag später rief ich dann beim Onkologen an: ich glaube, mein Gammanagel ist aus dem Gelenk gerutscht – es tut wahnsinnig weh. – Da können wir Ihnen aber nicht helfen, kommt die Antwort der Telefonistin, wir sind eine Gynäkologische Station, da müssen Sie schnellstens in die Universitätsklinik…

ACH!!!! MUSS ICH???? Die Universitätsklinik ist für mich ein rotes Tuch – Sie nennt mir noch ein anderes Krankenhaus – Ich rufe dort an – ein Rettungswagen wird geschickt – mit Mühe holen sie mich aus der Wohnung, jede noch so kleine Bewegung tut unglaublich weh.

Im Krankenhaus angekommen werde ich sofort geröntgt – tja…der Nagel sitzt einwandfrei… Sie nehmen mich stationär aus, weil ich völlig unfähig bin, zu gehen. Blut wird entnommen – sie stellen einen unglaublich hohen CRT – Wert fest, der klar zu erkennen gibt, dass ich eine heftige Entzündung im Körper habe … ich bitte sie, sich meinen Port anzusehen, weil er schmerzt. Das lehnen sie ab, das wäre völlig unerheblich – Metastasen können sie am Oberschenkel nicht mehr erkennen… na, wenigstens das ist eine gute Nachricht… Am nächsten Tag wird mir gesagt, dass sie nichts mehr für mich tun können – um eine CT – Untersuchung machen zu können, muss ich eine Überweisung von Hausarzt haben. Klar, sage ich – was sagten Sie, wie komme ich dahin? Achselzucken – am nächsten Tag holt mich meine Freundin im Rollstuhl aus dem Krankenhaus – Mittlerweile bin ich so voll gepumpt mit Schmerzmitteln, dass ich sogar ein, zwei Schritte gehen kann – das lässt mich hoffen…

Es ist Wochenende – ich liege auf dem Sofa – die Schmerzen sind natürlich wieder da, und jetzt kommt noch Fieber dazu, das bis zum abends regelmäßig auf weit über 39 steigt. Ich friere und brauche eine Wärmflasche, die hilft mir aber überhaupt nicht, denn jedes Mal, wenn sie mein rechts Bein berührt, wo anscheinend die Entzündung steckt, tut es wahnsinnig weh.

Montags rufe ich beim Hausarzt an – jau… am Wochenanfang keine gute Idee, aber es muss sein – Er wird kommen, sagt die Sprechstundenhilfe am Telefon – ich kann Ihnen aber sagen, dass es wohl spät werden wird, er hat jetzt schon sehr viele Hausbesuche zu machen.

Abend um 21.40 Uhr kommt er, der Gute – und macht sich einen Kopf, wie wir das am besten regeln können. Um 22.30 Uhr hat er alle angerufen, die angerufen werden mussten, hat mir ein Bett in der Uniklinik besorgt – ja, es geht leider nur die – hat einen Rettungswagen beauftragt, mich am nächsten Morgen abzuholen, hat sämtliche Papiere ausgefüllt – aumann, ein toller Arzt…

Machen wir es kürzer… Uniklinik… es wird ein CT gemacht, es wird ein großer Erguss im rechten Hüftgelenk festgestellt, er wird unter dem CT punktiert – das Ergebnis wird in einer Woche da sein, meiner Bitte, sich doch einmal meine Port anzusehen, wird nicht entsprochen, eins nach dem anderen, sagen sie.. der blaue Fleck neben dem Port ist unerheblich… auch, dass es dort unangenehm piekst und schmerzt – ich kann am nächsten Tag nach Hause… Mein Sohn und meine Freundin holen mich mit dem Rollstuhl ab, da ich noch immer nicht laufen kann – aber das soll sich ja geben… sagen sie…

Eine Woche später bin ich zur Nachuntersuchung wieder dort – werde mit Schmerzmitteln abgefüllt – zum Röntgen gebracht – es ist bestialisch. Erst, als ich die MTA, oder was immer sie auch darstellte, anschreie, dass ich auf die Untersuchung verzichte, weil ich vor Schmerzen nicht mehr kann, wird sie einsichtig und schafft es, das ganze relativ schmerzfrei über die Bühne zu bringen – anschließend soll geschallt werden – um zu sehen, ob sich noch ein Abszess im Bein gebildet hat…Die Schmerzmittel wirken… der Arzt reibt und reibt und reibt über meinen Oberschenkel, der vollkommen entzündet ist, wo sich bereits die Knochenhaut entzündet hat – findet nichts.. holt einen anderen Arzt… der schallt und schallt und schallt…sie finden nichts… die Gewebeprobe hat auch nichts ergeben… ich darf gehen.

Auf dem Heimweg sammle ich noch meinen Sohn auf – wir kommen zu Hause an, und als ich aussteigen will –schlagartig, hören die Schmerzmittel auf, zu wirken. Mein Bein schlackert, ich habe keinen Halt mehr, mein Sohn schleppt mich zum Sofa, und dann bricht ein wahres Schmerzinferno los. So etwas hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht gehabt. Ich liege dort und brülle vor Schmerzen – ich kann gar nicht anders, jedes Mal, wenn ich den Mund öffne, höre ich meine Schmerzschreie – laut und fürchterlich – und dann sehe ich, wie mein Kind am Tisch kniet, völlig verängstigt und betet und vor lauter Angst nicht mehr aus noch ein weiß. Wie gerne würde ich jetzt beruhigen, aber es geht nicht, ich schreie und brülle und kann nicht aufhören. Mein Kind füllt mich mit Schmerzmitteln ab – nach einer gefühlten Ewigkeit schlafe ich ein.

Drei Tage – drei ganze Tage dauert es, bis ich mich überhaupt wieder bewegen kann, bis ich auf meinen Krücken wieder den erbärmlichen kleinen Schritt vom Rollstuhl zur Toilette machen kann – drei Tage esse und trinke ich so gut wie nichts, damit ich mir diesen Gang ersparen kann – drei Tage Dämmerzustand.

Danach rufe ich bei meinem Onkologen an, verlange ausdrücklich, ihn zu sprechen, erkläre ihm den Sachverhalt, mache klar, dass ich nicht wieder in die Uniklinik gehen werden, verlange Unterstützung von ihm – ansonsten breche ich alles ab.

Ein paar Stunden später sitze ich bei ihm und erlebe, wie er stundenlang versucht, Informationen von der Uniklinik zu bekommen… sie blocken – sind beleidigt – nichts..

Der Port schmerzt…

Zu Hause packe ich mir Chinosolcreme auf den Port, einen dicken Verband drum herum – am nächsten Tag ist der Verband vereitert – ich habe dort eine offene Wunde – mein Bein tut erheblich weniger weh…. Die Wunde schließt sich wieder… das Bein schmerzt wieder mehr…Wieder Chinosol drauf… Dicker Eiter kommt raus… mein Bein schmerzt kaum noch – Meine Lebensgefährte will den Verband wechseln – bekommt große Augen… er kann den Port bereits sehen – und ich ahne, was kommen wird…

Der Onkologe schickt mich – natürlich – in die Uniklinik – es geht nicht anders – sie ist hier die einzige Anlaufstelle für Notfälle – wir stehen vor der Tür, eine Frau öffnet – ich sage ihr, dass meine Port entfernt werden muss… Wie kommen Sie darauf, fragt sie schnippisch…Ich schweige… sehe ihr in die Augen… so lange, bis sie mich auch ansieht – Sie werden sich jetzt meinen Port ansehen, hören Sie? Und danach, wenn Ihnen dann noch immer danach zumute ist, fragen Sie nochmals!

Nachts um 22.40 Uhr werde ich in den OP gefahren und unter lokaler Betäubung operiert. Um Mitternacht bin ich wieder zu Hause. Mit einer großen Wunde, die sie nicht völlig vernähen konnten, weil sich unter dem Port ein riesiger Eiterherd befand, der gespült werden muss. Das macht mein Onkologe – und die Wunde, die so aussah, als ob sie nochmals genäht werden müsste, sie ist von alleine verheilt.

Nächste Woche muss ich zum MRT wegen meines Oberschenkels – ich bin jetzt bei einem sehr guten Orthopäden in Behandlung. Gut, die letzten zwei Wochen hätte ich mir auch sparen können – da war bereits eine MRT, aber woher sollte ich wissen, dass, obwohl nur der Oberschenkel untersucht werden soll, ich vollständig in diese enge Röhre muss? Dass ich eine halbe Stunde mit nach oben gestreckten Armen da liegen muss? Ich bekam Panik – es wurde alles abgebrochen – nächstes Mal werden sie mir vorher Valium geben – auf dass es hilft… Wünscht mir Glück…

Vermutlich werde ich danach doch operiert werden müssen – aber auch das ist mittlerweile ok – ich halte diese Schmerzen einfach nicht mehr aus – ich bin zermürbt, möchte mich am liebsten irgendwo verkriechen – habe den Kontakt zu allen erst einmal abgebrochen, weil nichts mehr geht – ich kann einfach nicht mehr.

Ich habe nur einen Wunsch: ich möchte einfach wieder gehen können – ohne Krücken und ohne Schmerzen.

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