Einfach wieder gehen können

März 4, 2009

Da ist es, das Jahr 2009.

Ich habe lange nicht geschrieben – nicht etwa, weil es nichts zu schreiben gegeben hätte – oh, nein – ich konnte es einfach nicht. Ich habe das Gefühl, ich bin im freien Fall – mitten im Nirgendwo – umgeben von Riesenwolken aus Schmerzen und Albträumen, die mich einfach nicht mehr gehen lassen wollen.

Es war wohl nach der ersten Woche des Neuen Jahres – meine Vermieterin hatte mich angerufen und mich gebeten, sie zu den Stadtwerken zu begleiten. Dort war es das erste Mal, dass ich merkte, wie meine rechte Hüfte mal wieder muckte. Das hatte ich ja schon mal… so ganz zu Anfang… spät Nachmittags war ich dann noch einmal kurz bei den Nachbarn – auf dem Rückweg fiel mir auf, dass selbst ein bisschen Schnee mein Gehvermögen erheblich einschränkte – mit Mühe erreichte ich das Haus, schleppte mich ins Wohnzimmer auf die Couch – ein gellender Schmerz – und von da an ging nichts mehr – ich konnte nicht mehr gehen – ein Wahnsinnsschmerz durchzog meine Hüfte und mein Bein – aus… das war’s…

Traumal schluckte ich… literweise… den nächsten Tag dämmerte ich vor mich hin, immer in der Hoffnung, es würde besser werden. Einen Tag später rief ich dann beim Onkologen an: ich glaube, mein Gammanagel ist aus dem Gelenk gerutscht – es tut wahnsinnig weh. – Da können wir Ihnen aber nicht helfen, kommt die Antwort der Telefonistin, wir sind eine Gynäkologische Station, da müssen Sie schnellstens in die Universitätsklinik…

ACH!!!! MUSS ICH???? Die Universitätsklinik ist für mich ein rotes Tuch – Sie nennt mir noch ein anderes Krankenhaus – Ich rufe dort an – ein Rettungswagen wird geschickt – mit Mühe holen sie mich aus der Wohnung, jede noch so kleine Bewegung tut unglaublich weh.

Im Krankenhaus angekommen werde ich sofort geröntgt – tja…der Nagel sitzt einwandfrei… Sie nehmen mich stationär aus, weil ich völlig unfähig bin, zu gehen. Blut wird entnommen – sie stellen einen unglaublich hohen CRT – Wert fest, der klar zu erkennen gibt, dass ich eine heftige Entzündung im Körper habe … ich bitte sie, sich meinen Port anzusehen, weil er schmerzt. Das lehnen sie ab, das wäre völlig unerheblich – Metastasen können sie am Oberschenkel nicht mehr erkennen… na, wenigstens das ist eine gute Nachricht… Am nächsten Tag wird mir gesagt, dass sie nichts mehr für mich tun können – um eine CT – Untersuchung machen zu können, muss ich eine Überweisung von Hausarzt haben. Klar, sage ich – was sagten Sie, wie komme ich dahin? Achselzucken – am nächsten Tag holt mich meine Freundin im Rollstuhl aus dem Krankenhaus – Mittlerweile bin ich so voll gepumpt mit Schmerzmitteln, dass ich sogar ein, zwei Schritte gehen kann – das lässt mich hoffen…

Es ist Wochenende – ich liege auf dem Sofa – die Schmerzen sind natürlich wieder da, und jetzt kommt noch Fieber dazu, das bis zum abends regelmäßig auf weit über 39 steigt. Ich friere und brauche eine Wärmflasche, die hilft mir aber überhaupt nicht, denn jedes Mal, wenn sie mein rechts Bein berührt, wo anscheinend die Entzündung steckt, tut es wahnsinnig weh.

Montags rufe ich beim Hausarzt an – jau… am Wochenanfang keine gute Idee, aber es muss sein – Er wird kommen, sagt die Sprechstundenhilfe am Telefon – ich kann Ihnen aber sagen, dass es wohl spät werden wird, er hat jetzt schon sehr viele Hausbesuche zu machen.

Abend um 21.40 Uhr kommt er, der Gute – und macht sich einen Kopf, wie wir das am besten regeln können. Um 22.30 Uhr hat er alle angerufen, die angerufen werden mussten, hat mir ein Bett in der Uniklinik besorgt – ja, es geht leider nur die – hat einen Rettungswagen beauftragt, mich am nächsten Morgen abzuholen, hat sämtliche Papiere ausgefüllt – aumann, ein toller Arzt…

Machen wir es kürzer… Uniklinik… es wird ein CT gemacht, es wird ein großer Erguss im rechten Hüftgelenk festgestellt, er wird unter dem CT punktiert – das Ergebnis wird in einer Woche da sein, meiner Bitte, sich doch einmal meine Port anzusehen, wird nicht entsprochen, eins nach dem anderen, sagen sie.. der blaue Fleck neben dem Port ist unerheblich… auch, dass es dort unangenehm piekst und schmerzt – ich kann am nächsten Tag nach Hause… Mein Sohn und meine Freundin holen mich mit dem Rollstuhl ab, da ich noch immer nicht laufen kann – aber das soll sich ja geben… sagen sie…

Eine Woche später bin ich zur Nachuntersuchung wieder dort – werde mit Schmerzmitteln abgefüllt – zum Röntgen gebracht – es ist bestialisch. Erst, als ich die MTA, oder was immer sie auch darstellte, anschreie, dass ich auf die Untersuchung verzichte, weil ich vor Schmerzen nicht mehr kann, wird sie einsichtig und schafft es, das ganze relativ schmerzfrei über die Bühne zu bringen – anschließend soll geschallt werden – um zu sehen, ob sich noch ein Abszess im Bein gebildet hat…Die Schmerzmittel wirken… der Arzt reibt und reibt und reibt über meinen Oberschenkel, der vollkommen entzündet ist, wo sich bereits die Knochenhaut entzündet hat – findet nichts.. holt einen anderen Arzt… der schallt und schallt und schallt…sie finden nichts… die Gewebeprobe hat auch nichts ergeben… ich darf gehen.

Auf dem Heimweg sammle ich noch meinen Sohn auf – wir kommen zu Hause an, und als ich aussteigen will –schlagartig, hören die Schmerzmittel auf, zu wirken. Mein Bein schlackert, ich habe keinen Halt mehr, mein Sohn schleppt mich zum Sofa, und dann bricht ein wahres Schmerzinferno los. So etwas hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht gehabt. Ich liege dort und brülle vor Schmerzen – ich kann gar nicht anders, jedes Mal, wenn ich den Mund öffne, höre ich meine Schmerzschreie – laut und fürchterlich – und dann sehe ich, wie mein Kind am Tisch kniet, völlig verängstigt und betet und vor lauter Angst nicht mehr aus noch ein weiß. Wie gerne würde ich jetzt beruhigen, aber es geht nicht, ich schreie und brülle und kann nicht aufhören. Mein Kind füllt mich mit Schmerzmitteln ab – nach einer gefühlten Ewigkeit schlafe ich ein.

Drei Tage – drei ganze Tage dauert es, bis ich mich überhaupt wieder bewegen kann, bis ich auf meinen Krücken wieder den erbärmlichen kleinen Schritt vom Rollstuhl zur Toilette machen kann – drei Tage esse und trinke ich so gut wie nichts, damit ich mir diesen Gang ersparen kann – drei Tage Dämmerzustand.

Danach rufe ich bei meinem Onkologen an, verlange ausdrücklich, ihn zu sprechen, erkläre ihm den Sachverhalt, mache klar, dass ich nicht wieder in die Uniklinik gehen werden, verlange Unterstützung von ihm – ansonsten breche ich alles ab.

Ein paar Stunden später sitze ich bei ihm und erlebe, wie er stundenlang versucht, Informationen von der Uniklinik zu bekommen… sie blocken – sind beleidigt – nichts..

Der Port schmerzt…

Zu Hause packe ich mir Chinosolcreme auf den Port, einen dicken Verband drum herum – am nächsten Tag ist der Verband vereitert – ich habe dort eine offene Wunde – mein Bein tut erheblich weniger weh…. Die Wunde schließt sich wieder… das Bein schmerzt wieder mehr…Wieder Chinosol drauf… Dicker Eiter kommt raus… mein Bein schmerzt kaum noch – Meine Lebensgefährte will den Verband wechseln – bekommt große Augen… er kann den Port bereits sehen – und ich ahne, was kommen wird…

Der Onkologe schickt mich – natürlich – in die Uniklinik – es geht nicht anders – sie ist hier die einzige Anlaufstelle für Notfälle – wir stehen vor der Tür, eine Frau öffnet – ich sage ihr, dass meine Port entfernt werden muss… Wie kommen Sie darauf, fragt sie schnippisch…Ich schweige… sehe ihr in die Augen… so lange, bis sie mich auch ansieht – Sie werden sich jetzt meinen Port ansehen, hören Sie? Und danach, wenn Ihnen dann noch immer danach zumute ist, fragen Sie nochmals!

Nachts um 22.40 Uhr werde ich in den OP gefahren und unter lokaler Betäubung operiert. Um Mitternacht bin ich wieder zu Hause. Mit einer großen Wunde, die sie nicht völlig vernähen konnten, weil sich unter dem Port ein riesiger Eiterherd befand, der gespült werden muss. Das macht mein Onkologe – und die Wunde, die so aussah, als ob sie nochmals genäht werden müsste, sie ist von alleine verheilt.

Nächste Woche muss ich zum MRT wegen meines Oberschenkels – ich bin jetzt bei einem sehr guten Orthopäden in Behandlung. Gut, die letzten zwei Wochen hätte ich mir auch sparen können – da war bereits eine MRT, aber woher sollte ich wissen, dass, obwohl nur der Oberschenkel untersucht werden soll, ich vollständig in diese enge Röhre muss? Dass ich eine halbe Stunde mit nach oben gestreckten Armen da liegen muss? Ich bekam Panik – es wurde alles abgebrochen – nächstes Mal werden sie mir vorher Valium geben – auf dass es hilft… Wünscht mir Glück…

Vermutlich werde ich danach doch operiert werden müssen – aber auch das ist mittlerweile ok – ich halte diese Schmerzen einfach nicht mehr aus – ich bin zermürbt, möchte mich am liebsten irgendwo verkriechen – habe den Kontakt zu allen erst einmal abgebrochen, weil nichts mehr geht – ich kann einfach nicht mehr.

Ich habe nur einen Wunsch: ich möchte einfach wieder gehen können – ohne Krücken und ohne Schmerzen.

8 Antworten zu “Einfach wieder gehen können”

  1. nika said

    ich bin einfach nur geschockt was ihnen wiederfährt.
    und kann ihnen nur wünschen weit erfreulichere erfahrungen zu machen.
    von herzen wünsch ich ihnen ganz , ganz viel glück
    ich drück die daumen
    ganz fest

    nika

  2. Petra said

    Hallo Karin!

    Wo ist dein Indianer? Wo ist Henry? Ich habe nur eine Ahnung – würde aber so gern alles verstehen; wenn das überhaupt möglich ist. Hast du Kontakt zu Marita?
    Schreib doch bitte was!

    Ich schick dir Liebe

  3. 1leben said

    Petra, was verstehst du nicht?
    Meine Indianer hat seine Aufgabe erfüllt – Henry ist da – er ist immer da – aber er ist nicht zu meinem Leibarzt geworden – das, was ich erlebe, hat mit Krebs nichts mehr zu tun.. wie würde Henry das jetzt sagen: ich schreibe, wie wir uns verhalten sollten, halte mich aber selbst nicht daran .. Es ist eine Sache des Glaubens und des Willens – wirklich nicht einfach und für mich zur Zeit sehr schmerzhaft, denn ich trage die Konsequenzen für mein Verhalten. Ja, ich habe Kontakt mit Marita. Verstehen, Petra, das ist schwer.. glauben musst du – es gibt vermutlich viele hier, die das ganze für billiges Theater halten – das dürfen sie, wenn sie wollen – aber zum Verstehen musst du glauben, was du liest,sonst wird es nichts.
    Alles Liebe
    Karin

  4. Henry said

    Hallo Petra

    Wo ist Henry? Hhmm, ich bin hier in Neuseeland.

    Das waere die Antwort auf deine Frage. Kommunikation, Interaktion und Konfrontation ist die einzige Moeglichkeit wie wir uns verstaendigen, arrangieren und somit lernen und zusammenleben koennen.

    Unser Koerper ist u.a. das Vehikel das uns durch Schmerz und nicht Gesund sein, in seiner besonderen Art der Kommunikation zu verstehen gibt, das etwas in unserem Leben geaendert werden darf und je nachdem wo der Schmerz sitzt und wie er uns peinigt zeigt er uns den Weg. Andere Menschen die uns scheinbar peinigen sind eine Art Spiegel, hier wirkt das grosse „Universelle Gesetz der Reflektion oder auch goettliches Gesetz“ genannt, und sollten nicht beschuldigt werden. Wir sollen bei uns schauen, was ist es was mich so in Aerger versetzt, was soll ich in diesem Erlebnisfeld aendern. Sobald ich mein falsches Verhaltensmuster erkenne und es und mich wandele, faellt die Spiegelfunktion des anderen, sozusagen ungeliebten Menschen weg, ja sogar meistens verschwindet dieser Mensch fuer immer aus meinem Erlebniskreis.

    Wenn dich dieses Thema interessiert so kaufe dir das Buch von Louise L. Hay mit dem Titel „Gesundheit fuer Koerper und Seele“ Hayne Verlag, ISBN 3-453-03764-2

    Nun noch eine Randbemerkung. Der Indianer war eine Seele aus einem vorigen Leben der Karin begleitet und ihr geholfen hat. Er hat seine Aufgabe erfuellt und ist aus dem Erlebnisfeld von Karin abgetreten, was sie ein bisschen traurig gemacht hat.

    Henry aus NZ

  5. Petra said

    Ich freue mich sehr, dass ihr, Karin und Henry, mir so schnell geantwortet habt. In Gedanken habe ich euch so viel erzählt und natürlich auch gefragt, so wie ich es gerne tue! Vom Gefühl her verstehe ich ich „es“, sag ich einfach mal – und ich glaube fest, wirklich, mit aller Kraft die ich habe (denke ich), ich weiß nur nicht,wie ich es in mein Leben und Erleben bringe. „Zufällig“ ha, höre ich seit einigen Tagen genau dieses Buch von Louise Hay. Ich habe „Gott sei Dank“ keine schwere Krankheit, ein paar Bandscheibenvorfälle, ja – aber wer weiß?? Nein, ich bin gesund! Und doch spüre ich diese Langeweile (oder ist es Unruhe) in meinem Leben, endlich nach Hause zu finden – Seelenfrieden!

    Ich hoffe ich lese noch viel von dir, Karin – dass es dir gut geht und du wieder innigst glauben kannst.
    Henry, kannst du mehr über dich preisgeben? Wer bist du? Alles Eins! Aber wer schreibt?
    Wie auch immer!
    Danke!

    Alles ist Liebe

  6. Henry said

    Hi Petra, du sagst:

    Zufällig” ha, höre ich seit einigen Tagen genau dieses Buch von Louise Hay.

    Meine Antwort:
    Warum hast du es nicht gekauft?

    Du sagst:
    Ich habe “Gott sei Dank” keine schwere Krankheit, ein paar Bandscheibenvorfälle, ja – aber wer weiß?? Nein, ich bin gesund!

    Meine Antwort:
    Haettest du das Buch gekauft so koenntest du folgendes lesen:
    „Fuehlt sich vom Leben im Stich gelassen. Unentschlossen.

    Nun lies den Text deines Schreibens hier und dann siehst du, genau so ist es.

    Louise gibt Empfehlungen und sie sind wirklich gut – ich kenne Louise.

    Du fragst:
    Henry, kannst du mehr über dich preisgeben? Wer bist du? Alles Eins! Aber wer schreibt?

    Meine Antwort:
    Diese moechte ich bei dem „Henry aus NZ“ belassen, alles andere ist nicht wichtig fuer dich.

    Alles Liebe – Henry aus NZ

  7. Petra said

    Hallo Henry!

    Ich habe es nicht gekauft, weil ich keinen inneren Hinweis bekam. Dass ich unentschlossen bin, mich selten, ja fast nie entscheiden kann, weiß ich – ich habe Angst die Konsequenzen tragen zu müssen. Seit fast drei Jahren lese ich „spirituelle“ Bücher, suche und finde im Netz. Kannst du mich in die richtige Richtung stupsen? Ich will, wie jeder wahrscheinlich, glücklich sein, nur weiß ich nicht einmal was mich glücklich machen könnte, hier auf Erden. Selbst in guten Zeiten konnte ich kein Glück empfinden, wenn um mich herum Lebewesen leiden mussten. Alles muss gut sein! Alle werden es irgendwie schaffen, aber wann wird es sein.Kannst du mir helfen?
    Karin,das ist wohl nicht ok, dass ich in deinem Blog schreibe – aber ich wusste keine andere Möglichkeit!

    Alles Liebe für euch

  8. 1leben said

    Doch, doch, das ist vollkommen ok – wenn es mich stören würde könnnte ich es ja löschen….und wenns dir hilft ist es doch gut. Schreib ruhig, wenn dir danach ist.
    Alles Liebe
    Karin

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