Wer den Wind sät…

Oktober 11, 2009

Es ist mal wieder geschafft… ich habe zu mir gefunden, der Alptraum, der mich seit September letzten Jahres begleitet hat, ich konnte ihn stoppen – aus eigener Kraft. Und aus eigener Kraft werde ich jetzt auch weiter machen.

Weil ich weiß, dass ich stark genug bin, weil ich weiß, dass nur ich dazu in der Lage bin, weil ich weiß, dass mir sonst niemand wirklich helfen kann… außer den Ärzten natürlich…aber das gilt eben nur für mich…

Ich habe ihn endlich, den Frieden, den ich so lange gesucht habe. Tief in mir ist er, alles ist verarbeitet, ist angenommen – nichts tut mir mehr weh – die Kindheit gibt mir keine schlechten Erinnerungen mehr, ab und zu blitzt etwas auf, aber es erinnert mich dann eher an freundliche Erinnerungen – mein kleiner Kater, ich höre ihn neben mir schnurren.. er ist da – und sonst nur tiefer Frieden…

Verabschiedet habe ich mich von allen und allem, was nicht gut für mich war und ist – von Menschen und Verhaltensweisen, die eher zermürben, als zu stützen. Was um mich herum ist, ist warm und offen und ehrlich und liebevoll – keine Forderungen von ihnen, keine Forderungen von mir – es ist nicht mehr notwendig, denn Menschen, die dich aus reinem Herzen so lieben, wie du bist, zu sagen, was sie tun sollen –  sie tun genau das, was gut für dich ist.

Ich habe um mich Liebe gesät… nur Liebe…

Reden wir von meinem Krebs – dem… hm… wie nenn ich ihn denn nun? … dem renitenten Teil meiner selbst – leider ein Stück von mir geworden, fest verankert, halb am Verzweifeln, weil er einfach nicht schafft, was er bei anderen mir links erledigt hat. Was habe ich denn nun genau? Das, was mich dazu gebracht hat, über mich, über mein Leben, über den Sinn meines Lebens nachzudenken, nennt sich schlicht und einfach:

Inflammatorischer, knochenmetastasierter  hormonpositiver Brustkrebs. Hoch aggressiv, giftiges Teil…

Nicht nur mein Onkologe hat es gesagt – auch mein Strahlentherapeut hat es bestätigt: Ich lebe bereits länger, als es die Statistiken, sozusagen, erlauben. Bisher stolze eineinhalb Jahre länger als es jemals ein anderer Patient geschafft hat! Erst habe ich geschluckt – und dann kam das Glücksgefühl und der Stolz in mir hoch: wenn ich das geschafft habe, dann geht’s auch noch weiter – jetzt erst recht!

Untersucht wurde ich – Knochenszintigrafie nennt sich das – wo überprüft wurde, ob sich die Metastasen vermehrt haben. Hätten sie eigentlich machen müssen, denn durch eine unglaubliche Anzahl von Entzündungen in meinem Körper konnte ich die neue Therapie nicht beginnen – die alte zeigte keine Wirkung mehr. Aber nichts! Es hat sich nichts verschlechtert! Ganz aktuell ist diese Nachricht! Junge 2 Tage alt!

Die neue Therapie kommt genauso dankbar, wie die anderen zuvor – keine Nebenwirkungen – es ist, als ob sich mein Körper wirklich nur das holt, was er zur Heilung braucht, und alles, was die Nebenwirkungen hervorruft, sofort rausschmeißt. Ich weiß, es hört sich beknackt an, aber es ist wirklich so. Und während sie um mich herum sterben und leiden ohne Ende, ich gehe durch – einfach durch, mit liebevoller Unterstützung meiner Familie, meiner Freunde, meiner Ärzte, die mich so sehr respektieren, dass sie einfach nicht über meinen Kopf entscheiden, dass sie alles en detail mit mir besprechen und durchaus akzeptieren, was ich ablehne. Es tut alles nur gut.

Sicher habe ich Schmerzen, aber sie werden durch Morphium gedämpft – und wenn die Bestrahlung, die nächste Woche beginnt, dann bin ich mir sehr sicher, dass, wie bisher, die Schmerzen innerhalb kürzester Zeit verschwinden werden, und ich das Morphium wieder absetzen kann. Neues Spiel, neues Glück.. lach… ach watt, ich weiß, dass es wieder bergauf geht, jetzt bin ich wieder da, wo ich im September letzten Jahres aufgehört habe. Weiter geht’s…

Um es noch einmal klar und deutlich zu sagen, a l l e s aber auch wirklich alles, was ich hier jemals geschrieben habe, entspricht der Wahrheit – ich habe niemals beschönigt, erfunden, hinzugefügt oder weggelassen, alles, was in diesem Blog steht, ist passiert, alles was ich jetzt noch schreiben werde, wird dann auch passiert sein – und ich weiß, dass es noch lange dauern wird, bis dieser Blog schweigen wird. Aber auch dann werde ich mich verabschieden – offen und ehrlich, denn anders kann und will ich nicht. Alles andere ist Selbstbetrug und zerstört das, was ich bin.

Es berührt mich immer sehr, wenn ich sehe, wie andere Menschen unter ihrer Erkrankung, unter ihrer Situation leiden, wenn ich sehe, wie schwer es für sie ist, mit sich ins reine zu kommen, um zu bewältigen, was vor ihnen ist.. Dieser Weg, den wir alle gehen.. dieser eine Weg, jeder für sich – sie kreuzen sich, gehen vielleicht eine Weile parallel… und  trennen sich wieder… irgendwann letztendlich doch, für den letzten Gang in diesem Leben, diesen Gang, den wir alle alleine gehen müssen – obwohl… wenn es bei mir soweit ist, dann möchte ich gerne, dass alle meine Freunde bei mir sind – meine Familie, so klein und so wertvoll… das es ein Abschied ohne Bitterkeit wird, ein Abschied in  liebevollem Respekt, sind es doch alles Menschen, die mich so lieben, wie ich bin, genauso – nicht einen Deut anders… so, wie ich sie respektiere, wie sie sind – genauso, nicht einen Deut anders…und doch muss ich alleine gehen…

Was stimmt mit mir nicht? Das fragte eine Frau im Forum – ich habe die Diagnose Brustkrebs erhalten, aber ich habe keine Angst… Was stimmt mit mir nicht? … Ach Mädel… alle stimmt mit dir, du musst dich nicht einreihen in eine  Gruppe von Menschen, die sich anders verhalten und nur wahrgenommen werden, weil sie eben lauter schreien als die anderen. Es sind immer die Lauten, die gehört werden, weißt du? Aber sie sind nicht die einzigen – und auch sie sind nicht alle gleich, sie rufen nur laut, aber jeder Mensch, Mädel, jeder Mensch ist ein Individuum – es gibt keinen Menschen zweimal, niemals, hörst du? Jeder ist geprägt durch seine Kindheit, durch sein Leben, jeder hat andere Erfahrungen, jeder reagiert anders. Das so zu sehen, zu erkennen, so anzunehmen, das ist der Respekt, den ich meine. Nimm die Menschen, wie sie sind, aber versuche niemals, dich ihnen anzupassen – sie kommen automatisch, die Menschen, die zu dir passen, an ihnen kannst du ermessen, wie weit du bist, wo du stehst. Akzeptiere dich so, wie du bist – liebe dich so wie du bist, du bist es wert – jeder Mensch ist es wert…. Und säe keinen Wind – denn wenn du Wind säst, wirst du Sturm ernten…

… Ich habe Liebe gesät… und die Ernte wird mich für die Ewigkeit satt machen…

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