Einmal Hölle und zurück…

November 20, 2009

Na, jetzt ist es ja bald vorbei – dieses Jahr. Es hat gereicht, was ich alles erleiden musste – satt bin ich von den ganzen Schmerzen – ziemlich schwach auf den Beinen – aber es geht bergauf. Das wurde aber auch Zeit, herrje!!

 

Eine erneute Bestrahlung hat verhindert, dass mein linkes Becken völlig zerfressen wurde. Ich sag ja, es geht bergauf. Meine Kiefernekrose konnte auch gestoppt werden – fragt mich nicht wie, aber es hat geklappt. Ich bin froh, dass ich noch rechtzeitig erkennen konnte, dass eine Fernheilung leider völlig ausgeschlossen ist – ich bin froh, dass ich damals so übelst von einer  – na, soll ich sagen: Anhängerin? – beschimpft wurde. Es hat mir die Augen geöffnet und mir gezeigt, wie falsch ich damals lag. Egal. Es ist eben doch nicht zu spät – ich kriege das alleine gebacken. Vielleicht nehme ich doch noch die Hilfe eines Heilers in Anspruch – nur, der Mann lindert vorhandene Schmerzen und Nebenwirkungen der Chemo. Krebs heilen, sagt er – als Fernheilung völlig ausgeschlossen – den Krebs heilen? Hat er noch nicht geschafft – es dauert einfach zu lange – aber er hat schon bei vielen die Schmerzen gelindert. Nicht nur die körperlichen – auch die seelischen. Er ist wenigstens ehrlich – keine falschen Versprechungen, keine falschen Hoffnungen.

 

Es wird mir immer klarer, wie sehr ich als Kranke vom Leben ausgeschlossen bin – sicher, ich habe Freunde – viele Freunde, die einfach nur da sind und gut tun. Aber das normale Leben? Den Alltag bewältigen, das ist für mich absolut illusorisch…. Leider.

Schlicht gesagt – zurzeit bin ich froh, wenn ich nicht im Bett liegen muss, weil die Erschöpfung mich umhaut. Aber ich bin froh, dass ich wieder essen kann, ohne gleich tierische Magen – und Darmkrämpfe zu bekommen. Ich bin froh, dass ich nicht mehr diesen heftigen Durchfall habe. Froh, dass es mich überhaupt noch gibt – in diesem doch guten Zustand. Ja, er ist wirklich gut – auch wenn es sich nicht so anhört.

 

Jedoch wird mir immer klarer, wie wenig Menschen bereit sind, verstehen zu wollen.

 

Entweder es kommen Hilfsangebote – auweia… sie wohnen zig Kilometer weit weg und bieten Hilfe an… Was für Hilfe bitte?? Einkaufen gehen, weil ich es nicht kann? Wohnung sauber machen? Oder was?  Zum Reden habe ich genug Menschen hier vor Ort – und sie gehen auch einkaufen für mich – sie fragen nicht, sie machen es, weil ich eben so völlig erschöpft bin…

oder es gibt mitfühlendes Beileid…. Aber Abstand bitte – nicht zuviel, das könnte sie ja selbst belasten…. Naja…

 

Wollte ich wirklich versuchen, sie zum Verstehen zu bringen, ich müsste vermutlich unentwegt jaulen und jammern – aber präsent sein müsste ich – und dankbar sein, dass sie sich das anhören. Tscha… tu ich nicht, und schon bin ich eine Aussätzige… Nein, nein, nein, nicht alle – ich bin froh, dass es doch einige mehr als nur wertvolle Menschen gibt, die selbst den Krebs erlitten haben – die nachfühlen können – die einfach da sind und zuhören – ohne etwas dafür zu erwarten – es gibt sie auch – aber sie sind selten – kostbare Perlen sind sie – und tun mir einfach gut.

 

Mein Sohn – auch um ihn wird sich jetzt intensiv gekümmert – er braucht es, er ist, so hoch gewachsen er ist, doch noch im Herzen klein und in den Gefühlen groß. Und er leidet wie verrückt, wenn er sieht, was mir alles passiert, fängt auch an, zu spucken, bekommt Durchfall, so, wie ich – weinte sich die Seele aus dem Leib und weigerte sich, zur Schule zu gehen – er hatte Angst, dass ich nicht mehr lebe, wenn er von der Schule kommt. Aumann…

 

 

Ich habe erfahren, dass unsere Kinder  anscheinend nicht wirklich wichtig sind. Hilfe wird allgemein nur für erwachsene Partner angeboten. Kinder sind nicht wichtig, die müssen da eben alleine durch…. Grosse Klasse! Nur durch Beziehungen habe ich für meinen Sohn die dringende Hilfe bekommen – und es hilft ihm und damit unserer Familie ungemein. Ich merke, dass er wieder anfängt, zu leben und sich selbst mindestens so wichtig zu nehmen, wie er mich wichtig nimmt. Er begreift, dass auch er ein Recht auf Unterstützung und Hilfe hat – und er genießt es.

 

Lieben wir unsere Kinder überhaupt? Vermutlich schon – aber wir respektieren sie nicht – nicht als eigenständige Wesen- sie sollen so werden, wie wir uns das vorgestellt haben – Unseren Anforderungen sollen sie entsprechen – nichts eigenes – um Gottes Willen!

 

Sie sind doch nicht unser Eigentum, unsere Kinder – sie sind eine Leihgabe des Lebens, der wir gegenüber verpflichte sind, sie als selbstbewusste, eigenständige Menschen ins Leben zu schicken. Nach bestem Wissen und Gewissen.

 

Ich hoffe, dass ich es bei meinem Sohn einigermaßen geschafft habe – und ich hoffe inständig, dass ich doch noch einige Zeit mit ihm verbringen  kann – glücklich – ohne Schmerzen – ohne diese grauenvolle Leiden, dass wir diese Jahr erleben mussten. Wünscht mir einfach Glück und die Kraft, es doch einmal zu schaffen.