Mein Leben mit dem Krebs

Oktober 14, 2007

Da liege ich nun im Krankenhaus, habe die Diagnose erfahren, habe es geschafft, mir die Stärke zu holen, die ich brauche, um das alles gut zu überstehen… lache mit den anderen Patienten, die meine Lebensfreude aufsaugen wie vertrocknete Erde das Wasser…und da kommt sie abends an mein Bett… eine Krankenschwester, setzt sich neben mich, nimmt meine Hand, tätschelt sie und fängt an… Ist das nicht furchtbar? Ist das nicht entsetzlich? So eine schreckliche Diagnose… Wo bleibt da die Hoffnung?.. irritiert sehe ich sie an. Mache ich so einen Eindruck auf sie? Sehe ich so hoffnungslos aus?

Ich täusche Müdigkeit vor, und bitte sie, mich schlafen zu lassen…

Am nächsten Tag löchere ich die Ärzte… keine Hoffnung? Oder doch diese 70 bis 80 Prozent?… Na klar, kann gestoppt werden…. Sicher? Sicher.. aha..

Abends sitzt sie wieder an meinem Bett. Ich danke ihr für diese Zuwendung, mache ihr aber klar, dass ich beim besten Willen nicht geknickt und depressiv bin.. auch nicht traurig oder hilflos. Ich schaffe das, sage ich ihr. Danke, aber ich kriege das wirklich hin… Beleidigt geht sie aus dem Zimmer.

Am nächsten Tag kommt sie ins Zimmer und faucht mich an… Unverschämtheit, dass ich so oft telefoniere!!! Wir sind hier im Krankenhaus!!! Auf einer Station, wo auch gestorben wird!!! Alle Pflegekräfte und Ärzte haben sich über mich beschwert!!! Sie spricht nur in ihrem Auftrag!!!

Wau…

Ich frage die Pflegerinnen und Pfleger, die reinkommen… fühlen sie sich belästigt? Unsinn, meint einer, so was ist für mich ein notwendiger sozialer Kontakt.. je mehr, desto besser… Auch die Mitpatienten fühlen sich in keinsterlei Weise gestört, sie sind völlig baff über diesen Angriff. Die Ärzte wissen ebenfalls nichts von einem Auftrag an diese Krankenschwester, eine allgemeine Beschwerde loszulassen…

Zwei Wochen sehe ich sie nicht, diese Krankenschwester. Als sie wiederkommt ist sie verändert… etwas reserviert.. etwas vorsichtig.. etwas verlegen.. Ich denke mir meinen Teil und sage nichts weiter.. Am Ende hat sie wohl wirklich geglaubt, dass sie mir damit hilft..

Und sie ist nicht die einzige. Hier, auf dieser Station werde ich regelrecht eingeschworen auf meine Krankheit, hier werden mir Verhaltensregeln aufgedrängt, die einfach nicht mit meiner Art, mit dieser Krankheit umzugehen, konform gehen.  „Warum sind Sie so fröhlich bei dieser Diagnose? Ich verstehe das nicht!“ Das werde ich dauernd gefragt, von den Mitarbeitern, die mich im Bett überall hinschieben müssen. 6 Wochen lang darf ich das Bett nicht verlassen, erst am Wochenende vor Weihnachten stehe ich das erste mal wieder auf. Und in dieser Zeit wird mir von allen klar gemacht, wie schlecht es um mich steht, dass ich alles Recht dieser Welt habe, zu jammern und zu klagen. Aber warum???  „Sagen Sie mir, dass es hilft, und ich jaule Ihnen das gesamte Krankenhaus zusammen!“ Hilflos  sehen sie mich an. „Mensch, lassen Sie mich doch so sein, wie ich bin. Ich schaffe das schon!“

„Sie sind schwerstkrank!“ sagt die Stationsärztin, „Nicht schwerkrank, sondern schwerstkrank! Ich werde Ihnen nicht die Bitte verwehren, über Weihnachten zu Hause zu sein.“

Als ich diese Station verlasse kommt sie zu mir, gibt mir die Hand: „Ich hätte das nicht erwartet“ sie sieht mich mit einem warmen Lächeln an, „aber jetzt bin ich mir sicher, sehr sicher, dass Sie das überleben werden.“

Achwas…

So indoktriniert komme ich nach Hause, in ein fremdes neues wunderschönes Zuhause, wir sind ja in der Zeit, wo ich im Krankenhaus war, umgezogen. Gott sei Dank… diese vier Stufen komme ich gerade noch hoch. In die alte Wohnung wäre ich mit Sicherheit nicht gekommen.. zu viele Treppen…

Und jetzt beginnt ein interessantes Spiel: Wie reagieren die Menschen auf dich? Wie kommst du damit klar?

Es ist einfacher als ich es gedacht habe. Alle, die damit nicht klar kommen, verschwinden im Eiltempo aus meinem Leben. Tut es mir weh?…Nein… Alle anderen behandeln mich wie zuvor, abgesehen von der üblichen Frage nach meinem Wohlbefinden –  eine ehrliche Frage –  Die Freude, dass ich anscheinend so aussehe wie das blühende Leben, und die versteckte Hoffnung, dass es, wenn es bei ihnen passieren würde, von ihnen auch so leicht zu tragen sei.

Ich muss sagen, es war für mich schwere Kost, dieses geballte Mitleid über Wochen zu erfahren, diese Einschwören auf eine Krankheit, die irgendwann einmal mit dem Tod enden wird. Es war einfach zu fremd für mich. Zu oft hatte ich schon kritische Situationen durch gestanden, die mir auch den Tod hätten bringen können, die ihn mir gebracht hätten, hätte ich keine medizinische Hilfe erhalten. Wie war das mit dem Tumor, der sich fast in mein Hirn gebohrt hätte? Was für ein Jubel, als ich aus der Narkose erwachte!!! „Sie haben es geschafft, Sie leben!!“  Jubelnde Ärzte, lachende Krankenschwestern, ein Triumph sondergleichen, wie wunderbar war das! Der Darmkrebs… rechtzeitig entdeckt, der Hautkrebs.. auch rechtzeitig entdeckt… der fast tödliche Schub, den meine Darmentzündung auslöste… das entsetzliche Ersticken durch die Schimmelpilzallergie –  das war für mich die mit Abstand schlimmste Art, sterben zu müssen – …all diese Krankheiten hatten eins gemeinsam : sie waren heilbar gewesen.

Nur jetzt hat es mich völlig erwischt.

Aber, vielleicht liegt es einfach daran, dass ich schon so viel erlebte, was mich in einen Grenzbereich schickte, den man üblicherweise nicht so häufig erlebt, vielleicht liegt es einfach daran, dass ich gelernt habe, mit dieser tödlichen Bedrohung zu leben –  eigentlich hatte ich mich darauf eingestellt, an Darmkrebs zu sterben, weil meine Darmentzündung irgend wann darauf hinauslaufen wird – in mir ist keine Angst.

Überlegen wir doch einmal, was da passiert:

Es ergibt sich eine einschneidende Veränderung im Leben eines Menschen. Eine so gravierende Veränderung, dass alles, was vorher war keinen richtigen Bestand mehr hat in der Zukunft, die vor uns liegt. Alles, was uns so vertraut war verschwindet. Nichts wird mehr so sein, wie es vorher war.

Das kennen wir… wenn Kinder in unser Leben treten… aber nicht, wenn es der Tod ist….

 Das Mitleid, das wir erfahren, sicherlich, am Anfang ist es wichtig, sehr wichtig. Wie es das Wort schon sagt, sie leiden mit uns. Aber können sie das überhaupt? Wie ist das möglich, wenn sie es nicht selbst erfahren haben? Ist es nicht teilweise eher ein Für uns leiden?

Hat  nicht jeder seine Art, sich vorzustellen, wie schlimm der Betroffene diese Situation empfindet? Hat nicht jeder seine Vorstellung davon, wie lange dieses leiden dauern sollte?

Wie intensiv es sein sollte?

Diejenigen, die sich sofort abwenden, haben wirklich ihre Konsequenzen gezogen. Es muss so schrecklich für sie sein, dass sie sich außerstande sehen, in irgendeiner Weise helfen zu können, und ich kann mich des Gefühles nicht erwehren, dass es gerade für diese Menschen der blanke Horror werden muss, wenn sie selbst betroffen sind.

Wir haben Angst, sicherlich… Angst davor, dass diese Krankheit nicht geheilt werden kann, dass sie wieder aufbrechen wird, natürlich haben wir Angst. Jetzt sind wir ja auch sensibilisiert für diesen Krebs, wir haben ihn erfahren, erlebt…Sicherlich sind wir gefährdet, wir wissen es jetzt, wir wurden damit konfrontiert. Wie gut geht es den anderen, denen, die gesund sind. Aber wie gesund sind sie denn? Tagtäglich erkranken Menschen an Krebs, erleiden einen Herzinfarkt, erkranken an Aids oder an einer anderen tödlichen Krankheit. Und von da an dreht sich ein Rad unaufhaltsam dem Tode entgegen, das niemand nachvollziehen kann. Niemand. Denn jeder lebt und stirbt auf seine Weise.

Ich habe mich mit meinem Krebs arrangiert. Ich lebe sehr gut damit. Dankbar dafür, dass die Medizin schon so weit ist, dass mir sogar noch in dieser Situation geholfen werden kann, nehme ich alle Behandlungsmethoden an. Sie haben mir geholfen, alle diese Dingen. Die Chemo- habe ich ohne Nebenwirkungen vertragen… naja, außer, dass die Haare ausfielen, aber, was soll’s, die wachsen wieder…keinerlei Nebenwirkungen bei den Tabletten.. ich hab allerdings auch nicht nachgelesen, was kommen könnte, warum auch? Die Alternative: Tod oder Nebenwirkungen ließ mir keine andere Wahl. Ich habe gelernt, die Natur intensiver zu fühlen, alles, was über Tod und sterben zu lesen und zu hören ist nicht auf mich zu projizieren – wieso auch? Ich bin ich! – ich habe gelernt, dass es wichtigeres gibt, als den so genannten äußeren Schein zu wahren, diese Art Selbstdarstellung, die eigentlich nichts anderes ist als die Verleugnung der eigenen Existenz.

Ich fühle, was um mich herum ist, ich sauge positives mit allen Sinnen auf, und letztendlich habe ich Mitleid mit denen, die nicht klarkommen mit Dingen, die sich so sehr von dem grauen Alltag unterscheiden.

Was für Möglichkeiten tun sich da auf für mich!! Ich kann es probieren, ich kann das versuchen, was mir meine Freundin prophezeit hat :“Du wirst die erste sein, die mit einem unheilbaren Krebs als geheilt entlassen werden wird.“

Übertreiben wir nicht, träumen wir nicht… aber mit Sicherheit, wirklich mit Sicherheit werde ich länger und besser leben, als all die anderen, die eine ähnliche Diagnose haben. Ich bin neugierig auf das, was kommen wird, weil ich weiß, dass ich es schaffen kann, weil ich weiß, dass mein Leben hier erst zu ende ist, wenn ich getan habe, was ich tun muss. Was immer es auch ist, wenn ich gehen werde, werde ich mehr wissen, als ich bisher erfahren habe.. und das ist schon sehr viel. Ich bin dankbar dafür.. und wenn es Zeit für mich wird, werde ich bereit sein. Und ich werde keine Angst haben!

Tut uns einen gefallen, alle, die ihr lest, alle, die ihr helfen wollt, alle, die ihr nicht wisst wie. Habt Mitleid mit uns… aber bitte nur am Anfang… irgendwann ist Mitleid tödlich, weil wir dann selber anfangen, uns zu bemitleiden. Helft uns in unser neues Leben zu finden. Steht uns bei Rückschlägen bei, gebt uns die Sicherheit, dass ihr da sein werdet, lasst uns nicht alleine. Und wenn dann die Zeit kommt, wo dieses Leben hier zu Ende geht, bleibt bei uns, habt keine Angst vor dem Tod, habt keine Angst davor, uns sterben zu sehen. Gebt uns ein letztes Geleit auf dem Weg ins Ungewisse, gebt uns den Respekt, den jeder, der an dieser Schwelle steht, verdient hat. Denn wenn ihr uns ein Stück von euch mitgebt auf diese Reise, dann, da bin ich mir sicher, wird auch von uns ein Stück bei euch bleiben.

7 Antworten zu “Mein Leben mit dem Krebs”

  1. Es zieht mich magisch hierher, wieder habe ich Deine Worte aufgesogen wie ein Schwamm, es fasziniert mich zu Lesen , was in Dir vor geht, interessant auch die Reaktionen der Menschen, wie sie damit umgehen können oder auch nicht.

    Ich freue mich, dass Du so stark, so positiv bist, alles von der Seele schreibst. Danke wieder für diesen Einblick !

  2. hispace said

    lustig..im moment hast du auf mein posting von sonja geschrieben;-)

  3. 1leben said

    Stimmt… warum auch nicht, dein Leben ist auch interessant.. Ausserdem… luschern gildet nicht..

    karin

  4. hispace said

    ich möchte dir irgendwie soviel schreiben, weiß aber gar nicht wo anfangen.auch mich hat die diagnose von sonja umgehauen und ich hatte panik, panik vor angstattacken, die ich als kind schon hatte, wenn ich daran dachte, dass wir sterblich sind. trotzdem, will und möchte ich mich mit dem tod konfrontieren, da wir ja alle gehen müssen..die frage ist halt nur, wann bin ich dran, vielleicht lebst du in 1 jahr noch und ich nicht…..ich wusste, dass sie mir nah kommen würde und ich hatte wirklich eine riesenangst, da ich selber nicht ganz gesund bin.es hat sich gelohnt und ich bin froh, da es mir etwas angst nimmt. wir haben mal über ihr testament gesprochen, als es ihr nicht so gut ging und ich habe ihr gesagt, sie solle sich vorstellen, dass sie ne weltreise macht, auch da ist man nicht sicher ob alles glatt geht. am besten die dinge regeln und dann auf die seite legen, so hat man es wenigstens schon mal gemacht, vor allem wenn man kinder hat. ich kann es mir nicht vorstellen, ja…du hast recht…im moment denke ich, würde ich stürzen bei so einer diagnose…ich habe aber ne ähnlich art wie du…vielleicht wäre es gar nicht so.
    mich hat es geärgert…masslos, wenn sonja vom arzt kam und nur mitleid im sinn von „es ist ja so grausam und hoffnungslos“bekam…sie war so down und ich habe viel gebraucht, bis sie mental einigermassen wieder fit war.also karin, sonja hat ne ähnlich einstellung wie du und heute wurde sie operiert…bleib stark karin und sei auch ab und zu mal schwach…alles liebe hispace
    p.s. es ist trotzdem nicht einfach und wir freunde bewegen uns immer auf einem drahtseil und balancieren…tun wir euch weh…zu direkt…??haben wir was falsches gesagt…auch das verlangt von euch verständnis..wir sind auch nur menschen und keine maschinen, aber wir geben uns mühe, glaub mir….auch wenn es manchmal halt nicht gut ankommt.wenn es dich interessiert,erzähle ich dir gern von der methode, die ich bei sonja angewandt habe.

  5. 1leben said

    Was für eine Frage?? Natürlich bin ich daran interessiert!
    Karin

  6. hansi said

    habe eine vermutung habe eine knubel in der linken brust aber weiß nicht ob es krebs ist wie erfahre ich dass ohne bei den arzt zu gehen??

  7. 1leben said

    tja, Mädel, wie erfährst du das… sagen wir so, wenn du nicht hingehst, und es Krebs ist, dann hast du bald die sogenannte A… karte….
    Geh mal lieber hin. Es ist dein Leben.

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